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Männer auf dem Weg zur aktiven Vaterschaft

"Wie kann ich meine Familie und meinen Beruf unter einen Hut bringen?" Dies ist eine Frage, die bis anhin vor allem Frauen als Mütter beschäftigte, neuerdings aber auch von Männern als werdenden oder "gestandenen" Vätern gestellt wird. Aufgrund meiner Erfahrungen werde ich mich im folgenden auf die letzteren beschränken.

Wie ist es zu dieser Situation gekommen?

Die angesprochene, häufige Situation des Mannes bzw. Vaters heute kann nicht für sich alleine, sondern muss vor dem Hintergrund einer Vielzahl von ineinandergreifenden Veränderungen betrachtet werden, die sowohl auf der gesellschaftlichen und auf der zwischenmenschlichen Ebene stattgefunden haben.

Die wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen

Nach der vorletzten Jahrhundertwende wurde die Mehrgenerationenfamilie mehr und mehr von der modernen Kleinfamilie abgelöst. Vereinfacht gesagt kam es seit der Industrialisierung zu einer klareren Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau: Der Mann ging meist auswärts seiner Arbeit nach, die Frau war zuhause zuständig für Haushalt, Kindererziehung und die Stimmung in der guten Stube. Seit der Erfindung der Pille und dem Wiederaufleben der Frauenbewegung in den sechziger Jahren sind in den westlichen Ländern die zuvor gültigen Bilder davon, was ein Mann oder Vater, was eine Frau oder Mutter ist und zu tun hat, in Bewegung geraten. Die traditionellen Rollenbilder, die sich bis anhin am biologischen Geschlecht orientierten, wurden zusehends in Frage gestellt und verändert. Plötzlich war es nicht mehr selbstverständlich, dass eine Frau als Mutter ausschließlich für die Kinderbetreuung und den Haushalt und der Mann als Vater allein für das Einkommen zur Ernährung der Familie zuständig ist. Frauen veränderten ihr Selbstverständnis und wollten nicht mehr selbstverständlich ihren Beruf für die Familie aufgeben, sondern im Zeichen von Selbständigkeit und Selbstverwirklichung ebenfalls einer Erwerbsarbeit nachgehen. Sie stellten auch das traditionelle Männerbild in Frage und waren nicht mehr bereit, sich daran anzupassen. Auf der Gegenseite ließen sich einige Männer in ihrem Männerbild, das durch Härte und Zwangshaftigkeit gekennzeichnet war, verunsichern. Sie entdeckten in sich zuvor als "weiblich" klassierte und deshalb den Frauen vorenthaltene Eigenschaften und Seiten und erlebten diese durchaus als Bereicherung.

Das Verhältnis von Mann und Frau zueinander veränderte sich im Sinne von Gleichberechtigung in Richtung Partnerschaft, auch was die Arbeitsteilung betrifft. Auch das Verständnis von Erziehung wandelte sich: ein autoritärer Erziehungsstil ist tendenziell einem Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern gewichen, das die Persönlichkeit des Kindes respektiert.

Veränderungen rund ums Gebären

Infolge der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung der Medizin wurde das Geburtsgeschehen vom vertrauten Zuhause ins Spital als medizinischer Institution hinausverlagert. Das Gebären des Kindes durch die Frau wurde durch Geburtsmediziner und ihre Technologie mehr und mehr zu einem Entbunden-Werden von ihrem Kind umfunktioniert – es verkam also tendenziell zu einer Leistung des männlichen Arztes. Unter dem Einfluss von Hebammen, einzelnen Geburtshelfern und engagierten Eltern setzte dann in den Spitälern in den siebziger Jahren eine Reformbewegung ein. Noch zu dieser Zeit wurde dem werdenden Vater das Dabeisein bei der Geburt seines Kindes verboten. Er stelle für Frau und Kind ein Infektionsrisiko dar, er könne durch den Anblick seiner gebärenden Frau einen sexuellen Schock erleiden, die weibliche Schamhaftigkeit müsse geschützt werden und andere Argumente mussten als Begründung dafür herhalten. Erst nach und nach wurden sie widerlegt und als Widerstand der Ärzte gegen den Einblick in ihre Arbeit entlarvt. Und schließlich entpuppte sich die Anwesenheit des werdenden Vaters in der Spitalsituation als Notwendigkeit. Er erwies sich für die emotionale Unterstützung der Gebärenden allmählich als unentbehrlich. Heute stellt seine Anwesenheit, als soziale Erwartung für einen werdenden Vater, ein absolutes Muss dar.

Anstelle von Gebärsälen traten wohnlich eingerichtete, mit allerlei Hilfsmitteln ausgerüstete Geburtszimmer, die ein Gebären in intimer Atmosphäre ermöglichen. Daneben nimmt bis heute in einigen Ländern die Anzahl von Hausgeburten inzwischen wieder zu.

Die Situation werdender Eltern heute

Wuchsen werdende Eltern früher in der familiären Gemeinschaft in ihre je nach Geschlecht unterschiedliche Rolle als Eltern hinein, werden sie heute vom medizinischen System in den Bann gezogen. Das heißt, die Vertreter/innen der medizinischen Institutionen geben klare Regeln vor, an denen sich junge Paare in ihrem Übergang zur Elternschaft orientieren müssen. So besuchen sie heute - als Ergänzung zu den Kontrolluntersuchungen beim Gynäkologen - in der Regel eines der vielfältigen Angebote von "Geburtsvorbereitung". Diese werden in der Regel von Hebammen angeboten und sind aufgrund deren beruflicher Ausbildung stark von einer medizinischen Perspektive geprägt und auf das Gebären bzw. das Entbunden-Werden im Spital ausgerichtet. Sie sind auch - wie der Name sagt - auf die Geburt des Kindes bzw. auf das letzte Schwangerschafts- drittel hin konzentriert, die körperlichen Veränderungen der Schwangeren stehen im Zentrum des Interesses.

Moderne Väter nehmen heute regen Anteil an der Schwangerschaft ihrer Partnerin. Was heute ein guter Vater werden will, nimmt selbstverständlich an einem Geburtsvorbereitungskurs teil. Dort wird er oft - im Rahmen eines Paarkurses in der Gruppe - an einzelnen oder mehreren der Kursabende in die Vorbereitung einbezogen und auf seine Aufgabe vorbereitet: die schwangere Partnerin emotional zu unterstützen.

Träume von partnerschaftlicher Arbeitsteilung

Junge Menschen gehen heute in ihrer Liebesbeziehung in der Regel von der Vorstellung einer partnerschaftlichen Paarbeziehung aus. Dementsprechend planen sie vor der Geburt ihres ersten Kindes, sich später neben der Berufstätigkeit des einen (in der Regel jener des Mannes) während der gemeinsamen Zeit mit dem Kind am Abend, Wochenende oder in den Ferien die Betreuung des Kindes zu teilen. Insbesondere Männer wollen sich - parallel zur fortgesetzten Berufsorientierung ihrer Partnerin - im Rahmen einer erweiterten Familienorientierung in der Beziehung zu ihren zukünftigen Kindern engagieren.

Verschiedene Untersuchungen zeigen aber, dass die meisten dieser jungen Paare` dann schliesslich in ihrem Vorhaben scheitern. Nach der Geburt des ersten Kindes holt sie - entgegen gemeinsamer Planung und bestem Willen - der Alltag ein und im Laufe des ersten Jahres kommt es zu einer Gewöhnung an die altbekannte Situation: Die Frau ist schließlich als Mutter für Kinderbetreuung, Haushalt, kurz für die Familienarbeit zuständig, der Mann als Vater für die berufliche Erwerbsarbeit – also gerade so, wie es schon bei ihren Eltern gewesen war. Für diese Entwicklung werden einerseits die äusseren, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Bedingungen verantwortlich gemacht: das Fehlen einer griffigen, effizienten schweizerischen Familienpolitik (Anmerkung der Redaktion: der Autor lebt in der Schweiz), die sich durch das anhaltende Fehlen einer Mutterschaftsversicherung, eines Vaterschafts- und Elternurlaubes, durch ungenügende Kinderzulagen, den Mangel an Tagesplätzen für Kinder und Teilzeitarbeitsstellen für Frauen und Männer usw. auszeichnet.

Andererseits liegt es aber auch an den inneren, persönlichkeitsbezogenen und psychischen Bedingungen der Betroffenen selbst. Sie sind - trotz all der gesellschaftlichen Veränderungen - noch immer sehr stark von den traditionellen Rollen-Vorbildern ihrer Eltern geprägt.

Alternative Konzepte davon, was es heute heissen könnte, im Sinne einer kooperativen Elternschaft Mutter und Vater, gemeinsam Eltern eines Kindes zu sein, sind für eine breite Schicht von werdenden und jungen Eltern noch nicht vorhanden. Das Resultat davon besteht einerseits - trotz oder gerade wegen all der pädagogisch-psychologischen Ratgeber - in Unsicherheit und Orientierungslosigkeit in Erziehungsfragen, was zur Überforderung der Eltern und Haltlosigkeit der Kinder führt. Andererseits kommt es zur Entfremdung der Ehepartner, was sich längerfristig z.B. in der Scheidungsstatistik (jede dritte bzw. vierte Ehe in der Schweiz wird geschieden!) niederschlägt.

Was bleibt, ist Frust und Überforderung

Der Übergang zur Elternschaft stellt nicht nur für eine Frau, sondern auch für den Mann einen identitätsverändernden Prozess dar. Da wird nicht nur ein Kind geboren, sondern Mann und Frau werden gemeinsam Eltern eines Kindes und mit ihm zu einer jungen Familie!

Auf den Mann bezogen heißt dies: Er wird in dieser Zeit "ein Anderer"! War er zuvor Sohn einer Mutter und eines Vaters, wird er nun selbst Vater eines Kindes.

Es sind, neben den körperlichen Veränderungen der Frau, tatsächlich vor allem die Veränderungen im eigenen Selbsterleben als werdender Vater und der Wandel in der gemeinsamen Beziehung, welche die jungen Männer in ihrem Übergang zur Vaterschaft beschäftigen. "Werde ich ein guter Vater sein können?", "Wie wird sich unsere Beziehung verändern?" oder "Werde ich neben dem Kind noch Platz haben?" Neben diesen sind es auch die Fragen um die konkrete Ausgestaltung der neuen Rolle als Vater im Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf, welche für sie nun gezwungenermassen zentral sind: "Ich möchte eine nahe Beziehung zu meinem Kind, aber werde ich Familie und Beruf miteinander vereinbaren können ?" Somit sind wir wieder bei der Eingangsfrage angelangt.

Ein möglicher Ausweg

Das Gelingen der Familienwerdung darf keinesfalls als selbstverständlich vorausgesetzt und dem Zufall günstiger Umstände überlassen werden! Der Übergang zur Elternschaft erweist sich als Angelpunkt der Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Aufgaben. Es ist notwendig, dass junge Paare heute aktiv in ihrem Übergang zur Elternschaft, bei der Familienwerdung und bei der Aufrechterhaltung ihres Familienlebens unterstützt werden!

Werdende Eltern sind aufgrund der spezifischen Dynamik des Übergangs zur Elternschaft in erhöhtem Maße bereit, sich mit sich selbst und mit ihrer persönlichen Situation auseinander zusetzen. Diese Bereitschaft gilt es in präventivem Sinne in konstruktiver Weise zu nutzen! Durch eine unterstützende Begleitung junger Paare während ihres Übergangs zur Elternschaft könnten diese befähigt und ermutigt werden, ihre Vorstellungen von partnerschaftlicher Paarbeziehung und kooperativer Elternschaft in der Situation als Familie gemeinsam, in einer für sie persönlich stimmigen Weise in die Tat umzusetzen.

Ganzheitliche Elternbildung ist angesagt

Die medizinische Perspektive muss also, wenn eine Geburtsvorbereitung dieser Tatsache gerecht werden will, um eine psychosoziale ergänzt und erweitert werden. Für die oben angesprochenen Fragen muss den werdenden bzw. jungen Eltern Raum und Zeit geboten werden!

Das Resultat wäre eine ganzheitliche Elternbildung. Sie weist folgende Merkmale auf:

  • Von ihrer Dauer erstreckt sie sich im Sinne einer Begleitung und Betreuung vom Zeitpunkt nach Feststellung der Schwangerschaft der Frau über die Geburt des Kindes bis zu den ersten sechs Monaten des Lebens als Familie.
  • Von ihrem Inhalt her schliesst sie die herkömmlichen, auf die Geburt des Kindes bezogenen und aus medizinischer Perspektive zentralen Aspekte der herkömmlichen Geburtsvorbereitung, die sich bewährt haben, mit ein. Vom psychologischen Gesichtspunkt sich als essentiell erweisende Aspekte werden miteinbezogen: Bewusstwerdung der eigenen Ressourcen und der persönlichen Werte, Veränderung des weiblichen bzw. männlichen Selbstverständnisses, partnerschaftliche Paarbeziehung, geschlechtsspezifische Rollen, kooperative Elternschaft, eigene Konzepte der Kindererziehung etc. Werdende Eltern müssen in ihrer Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Sachzwängen unterstützt werden.
  • Von ihrer Form her ist eine Ergänzung des bestehenden Kursangebotes in Form einer Beratungsstelle und/oder im Sinne betriebsinterner Weiterbildung denkbar.

Vorläufig handelt es sich bei diesem Modell um eine "schöne Utopie", die angesichts der wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Situation wohl nicht nur in der Schweiz nächstens nicht zu verwirklichen zu sein scheint. Doch einige Aspekte sind in die gegenwärtigen Angebote integrierbar.

Konkrete Männerarbeit als Väterarbeit

Zum einen arbeite ich - unterstützt durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann - mit Kolleg/innen in einem Projekt "Der Übergang zur Elternschaft als Angelpunkt der Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Aufgaben" in Richtung einer Beratungsstelle, die jungen Eltern für diesbezügliche Fragen offen stehen soll.

Zum andern biete ich - innerhalb von Geburtsvorbereitungskursen für Paare - spezielle Einheiten nur für werdende Väter an. Die Erfahrung zeigt, dass es für werdende Väter enorm wichtig ist, sich bereits vor der Geburt einen eigenen Raum zu schaffen, in dem sie selbst im Zentrum stehen, in dem es um sie, um ihre Veränderungen geht. Hier, in einer unterstützenden Männerrunde, ist es bald einmal möglich, auch Bedenken bezüglich einer schwierigen Geburt oder Ängste, beim Anblick dieses blutigen Ereignisses umzukippen oder das Leiden der Partnerin nicht auszuhalten, zu äußern. Eigentlich verständlich, dass der eine oder andere Mann in jener Situation überfordert ist ... und vielleicht gar in Ohnmacht fällt. Diese Möglichkeit widerspricht dem leider noch immer gängigen Wunschbild vom Mann als "ruhendem Pol", als starker, unerschütterlicher Fels in der Brandung. Um dieses Wunschbild relativieren zu können, muss es zunächst einmal in einem selbst erkannt werden. "Väter sollten während der Geburt besser in der Kneipe sitzen", Gebären sei ein "urzeitlicher Akt". Das soll - wie ich letzten Monat in der hiesigen Berner Zeitung las - nicht irgendeiner, sondern der durch die Erfindung der "Swimmingpool-Geburt" bekannte Geburtsmediziner Michel Odent gesagt haben. Begründung: "Der Mann, der seine Frau nicht leiden sehen wolle, dränge zu oft auf Kaiserschnitt. In Großbritannien seien die Kaiserschnitte in den letzten drei Jahren um 33 Prozent gestiegen." Einmal davon abgesehen, dass hinter der steigenden Kaiserschnittrate auch Provisionen der Ärzte und das verständliche Bedürfnis nach einer schmerzfreien Geburt seitens der Frauen verborgen sind, müsste jenes Drängen der Männer näher hinterfragt werden. Vielleicht sind ja diese Männer ganz einfach nicht genügend auf die Geburt ihres Kindes vorbereitet worden. Zudem verhilft einem ja bekanntlich eine vertiefte Auseinandersetzung mit sich selbst auch, sich innerlich abzugrenzen und "bei sich zu bleiben" ...

In einer derartigen Männerrunde, im Gespräch von Mann zu Mann, kann Mann sich Zukunftsängste eingestehen, gerade auch, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft: "Was für ein Vater will ich sein?", "Was ist mir im Leben wichtig, welche Prioritäten setze ich?"

Ebenso wie für Frauen in der Situation mit dem Kind "kinderfreie" Stunden wichtig sind, ist es für Männer wichtig, mit dem Kind allein zu sein, um Erfahrungen als aktiver Vater und selbständiger Elternteil zu machen. Nur so wird deutlich, welche Kompetenzen in der Kommunikation mit dem Kind vorhanden sind.

Aktive Vaterschaft im Sinne eines Engagements für eine nahe und lebendige Beziehung zum Kind ist zudem nicht möglich ohne ein stückweises Abgeben von Zuständigkeit seitens von Frauen als Mütter.

Immer wieder von neuem bin ich über das starke Bedürfnis nach gegenseitigem Austausch und über die große Bereitschaft, auch über persönliche Dinge offen zu sprechen, erstaunt und erfreut.

Dies bezieht sich auch auf andere Männergruppen, die ich leite, und an denen gestandene Väter und Männer ohne Kinder teilnehmen.

"Wie kann ich meine Familie und meinen Beruf unter einen Hut bringen ?"

Es gibt keine einfache Antwort und auch keine Rezepte. Die Antwort muss von jedem einzelnen Mann - im Dialog mit der Partnerin oder dem Chef - gesucht werden. Dazu gehört, dass vermeintliche Lösungen für das Dilemma zwischen Beruf und Familie ausprobiert, wieder überdacht und vielleicht verändert werden müssen.

Der Weg zur aktiven Vaterschaft hat zwar seinen Preis, aber der Gewinn wird sich in der Beziehung zur Partnerin und zu den Kindern zeigen.

Stephan Binkert-Zerkiebel, CH-Konolfingen

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