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Väter und Firma

Ein Vater-Kind-Wochenende

Väter zwischen Beruf, Familie und Partnerschaft, mit großen Arbeitspensen sind enormen Belastungen ausgesetzt. Zum Einen steigen die beruflichen Anforderungen, zum andern wird zunehmend Präsenz in der Familie gefordert.

Viele Väter fragen sich, wie sie beides zufriedenstellend - für alle Familienmitglieder - unter einen Hut bringen. Sie wünschen sich, die Zeit mit ihren Kindern intensiv zu erleben, ohne einen beruflichen Ausstieg oder die Karriere zu riskieren. Meist fehlt es an Möglichkeiten, diese Fragen zu besprechen, Unsicherheiten zu klären und Anregungen zu gewinnen.

Unter dem Titel "Väter und Kinder gemeinsam unterwegs" entstand ein Wochenendseminar in Kooperation zwischen der Daimler-Chrysler AG (kurz: DCAG) und dem Elternseminar (Kurz: ES) beim Jugendamt der Stadt Stuttgart. Die inhaltliche Planung des Seminars wurde vom Elternseminar durchgeführt, ebenfalls wurde das Team aus dem Mitarbeiterstamm des ES gebildet. Die DCAG schrieb das Seminar für ihr Mitarbeiter wie folgt aus:

Väter und Kinder gemeinsam unterwegs -
Ein Wochenendseminar für Väter mit ihren Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren

Viele kennen das: der Beruf stellt hohe Anforderungen an den Einsatz der Mitarbeiter. Für Unternehmungen mit den Kindern bleibt oft nur wenig Zeit und Energie.

Ein ganzes Wochenende gemeinsam unterwegs zu sein, ist für Väter und Kinder deshalb schon eine besondere Zeit, in der sie viel voneinander erfahren können. Zu einem solchen Vater-Kind-Wochenende laden wir erstmals Mitarbeiter mit 5-12-jährigen Kindern ein. Bei gemeinsamen Unternehmungen in der freien Natur oder beim Spielen drinnen können Sie Spaß mit Kindern und Kollegen haben. Möchten Sie andere Kollege kennenlernen, die ebenfalls Väter sind? Möchten Sie sich mit ihnen austauschen, über Erfahrungen mit den Kindern und über den Alltag zwischen Beruf und Familie?

Die Teilnehmer des Wochenendes waren 12 Väter und 23 Kinder. Die Väter waren überwiegend in der Sachbearbeiterebene und in der unteren Führungsebene der DCAG beschäftigt. Das Team setzte sich aus drei Referenten und zwei Kinderbetreuern zusammen. Das Seminar fand an einem Wochenende in einem Hotel in der Nähe von Stuttgart statt.

Freitag:

Das Seminar begann mit einem gemeinsamen Mittagessen. Danach trafen sich alle in einem großen Raum, der uns während des Wochenendes zur Verfügung stand. Alle Teilnehmer und Teamer schrieben sich Namensschilder auf Kreppbank und klebten diese an.

Nach einigen Kontaktspielen schloß eine ausführliche Vorstellungsrunde an. Die Teilnehmer wurden gebeten sich in Gruppen zu je zwei Familien zusammenzufinden. Pro Familie malten sie ein Plakat, auf dem alle Familienmitglieder erscheinen sollten, auch nicht anwesende Familienmitglieder. Im Plenum stellten die Familien sich gegenseitig vor. Alle bekamen so viele Informationen über die Arbeitssituationen der Väter, die Familiengröße und die Vorlieben der einzelnen Familienmitglieder.

In der nächsten Arbeitseinheit wurden die Kinder gebeten, ihr Väter alleine zu lassen. Unter großem Jubel wurde mit den Kinderbetreuern beschlossen, in das Hotelhallenbad zu gehen. Nachdem alle Väter ihre Kinder mit Badesachen versorgt hatten, gingen sie in den nahegelegenen Besprechungsraum.

Der letzte Arbeitstag: Auf einem Din-A3-Bogen, der in 24 Zeilen eingeteilt ist, soll der Teilnehmer seinen letzten Arbeitstag (die 24 Stunden dieses Tages) aufschreiben. Zeitvorgabe: ca. 30 Minuten.

Pädagogische Zielsetzung: Einen Einstieg in die Thematik Beruf-Vatersein-Ehepartner zu finden. Väter haben die Möglichkeit zu erkennen, daß es auch anderen Männern ähnlich geht.

Die Väter kamen, nachdem sie ihren letzten Arbeitstag aufgeschrieben hatten, in Vierergruppen zusammen, die je von einem Referent begleitet wurden. Nun trugen sich die Väter ihre Niederschriften unter den Gesichtspunkten Brennpunkte und Spannungsfelder (Familie und Beruf) vor. Der Referent notierte die wichtigsten Punkte auf einem Flipchart. Anschließend trafen sich alle Teilnehmer im Besprechungsraum und berichteten die Ergebnisse aus den Vierergruppen. Erneut wurden die wichtigsten Punkte zusammengetragen unter den Fragestellungen:

  • Anforderung im Beruf
  • Erwartungen der Familie / Frau / Kinder
  • Eigene Vorstellungen für einen Arbeitstag / die Freizeitgestaltung

Konsens der Berichte war, daß die beruflichen Anforderungen überwiegend als hoch empfunden wurden. Ein Gefühl von Streß und Arbeitsdruck war die Folge. In den meisten Fällen betrug die Anfahrtszeit zur Arbeit ca. 1 Stunde, was nicht unbedingt als negativ erlebt wurde. Bei einer Abwesenheit von ca. 10 bis 12 Stunden (in Ausnahmefällen bis zu 14 Stunden) wird die Stunde, die für die Heimfahrt benötigt wird, als Zeit zum Abschalten genutzt. Dennoch wurde der Übergang vom Beruf in das Privatleben als kritische Phase empfunden. Die eigene Müdigkeit und die Geschehnisse des Tages stehen im Konflikt mit den Erwartungen der Familie. Die Umsetzung eigener Vorstellungen für die Tagesgestaltung sind nur eingeschränkt möglich, da der normale Alltag überwiegend fremdbestimmt ist. Dies war auch das Fazit dieses Tages im Seminar.

Samstag:

Der nächste Tag wurde, als sich alle nach dem Frühstück im großen Raum einfanden, mit einem Morgenritual begonnen.

Morgenritual: Eine angeleitete Partnermassage, mit leiser Musikuntermalung in eine kindgemäße Geschichte verpackt. Möglichst gleich große Teilnehmer müssen sich in Paaren zusammenstellen. Ein Teilnehmer steht am Rücken des Partner und klopft den Rücken mit seinen Handflächen ab. Der Anleiter gibt durch eine Geschichte vor, wie stark das Klopfen sein soll.

Anschließend übernahm die Kinderbetreuung die Kinder und die Väter gingen in den Besprechungsraum.

Männer auf meinen Wegen: Auf einer Zeitreise soll der Teilnehmer eintragen, wann welche Männer in seinem Leben einen besonderen Eindruck hinterließen. Hierbei sind sowohl positive aus auch negative Eindrücke gemeint. Die Zeitleiste ist beginnend mit null Jahren und am Ende mit dem entsprechenden Alter der Teilnehmer zu kennzeichnen. Der Teilnehmer trägt nun an den entsprechenden Stellen die Männer ein.

Mein eigenes Vaterbild: In einem lebensgroßen, auf Papier gezeichneten Umriß eines Mannes, sollen die Teilnehmer Wünsche eintragen, die sie als Kind an den eigenen Vater hatten. Die Wünsche sollten einer bestimmten Körperstelle zugeordnet werden, die damit in Verbindung steht (z.B. Ballspiele zu Fuß oder Hand zuordnen; Gefühle zum Herz zuordnen, mehr Zeit zur Armbanduhr im Umriß zuordnen). Anschließend erhält jeder Teilnehmer fünf Klebepunkte, die er zu den Wünschen auf dem Vaterumriß kleben kann. Ein Teilnehmer kann bis zu zwei seiner Klebpunkte an die gleiche Stelle kleben, um dem Wunsch eine höhere Bedeutung zuzuordnen.

Pädagogische Zielsetzung: Versuch die folgenden Fragen zu beleuchten. Wie sind die inneren Bilder von Mann- und Vatersein entstanden, wer hat die Väter/Teilnehmer geprägt? Was war positiv bzw. wo waren Defizite? Wie sieht sich der Teilnehmer selbst als Vater? Wie wirkt sich dieses auf seine eigene Vaterrolle aus?

Nach der ersten Aufgabenstellung (Männer auf meinen Wegen) sollten sich Paare finden, die sich ihren Zeitstrahl gegenseitig erklärten. Dies gab die Möglichkeit, sich selbst und dem gegenüber in einer Diskussion zu verdeutlichen, warum welche Männer in dem Zeitstrahl erschienen. Anschließend wurde in einem Plenum von jedem Vater die wichtigste Figur seines Zeitstrahls dargestellt, d.h. jeder Vater wählte aus seinem Zeitstrahl die Figur aus, die seiner Meinung nach die größte Bedeutung in seinem Leben hatte. Wieder war eine positive wie auch eine negative Interpretation möglich. Die Moderation dieser Runde übernahm einer der drei Referenten. Durch gezieltes Nachfragen des Moderators dieser Runde konnten Unklarheiten ausgeräumt werden, Ergebnisse dieser Runde wurden auf einem Flipchart fixiert.

  • Väter als wichtigste Personen im Leben der Teilnehmer wurden als eher distanziert dargestellt. Diese Väter schienen emotional schwer erreichbar und schienen wenig Zeit für die Teilnehmer zu haben. (5 Teilnehmer nannten ihre Väter als wichtigste Personen)
  • Freunde, Sporttrainer oder auch Schwiegerväter als wichtigste Personen im Leben der Teilnehmer wurden als partnerschaftlich dargestellt. Diese Personen schienen eher hilfreich im Leben der Teilnehmer zu sein.

Die Ergebnisse der zweiten Aufgabe können wie folgt zusammengefaßt werden: Die Wünsche an den eigenen Vater hatten eine eindeutige Hierarchie. An oberster Stelle stand der Wunsch nach mehr Zeit, als nächstes folgten die Wünsche nach Beziehung und Gefühl. Die Väter bekamen noch eine Aufgabe für Sonntagmorgen. Sie sollten sich überlegen, welche Wünsche nichtmaterieller Art ihre Kinder an sie hätten. Jeder Vater sollte drei Wünsche je Kind auf einen Zettel schreiben.

Am Nachmittag fand eine Väter-Kinder-Spielaktion im Freien statt. Abends eine Fackelwanderung und anschließendem Lagerfeuer mit Stockbrot braten und Würstchen grillen.

Sonntag:

Pädagogische Zielsetzung: Die Väter sollen sich in die Position der Kinder hineinversetzen, um ihre Bedürfnisse zu erkennen. Sie sollen Bedürfnisse der Kinder formulieren und mit der Realität vergleichen. Sie sollen die Bedürfnisse der Kinder umsetzen, ihre Vaterrolle positiv verändern und mehr Spaß erreichen.

Durch das Morgenritual wie am Vortag wurde die Gruppe in ihrer Einheit zusammengeführt und begrüßt. Die Väter gingen wieder in den Besprechungsraum und arbeiteten an dem Thema weiter, das sie am Samstagnachmittag begonnen hatten. Jeder Vater stellte die drei Wünsche, die er bei seinen Kindern vermutete, den anderen Vätern und den Referenten vor. Alle Wünsche wurden in einen neuen Vaterumriß eingetragen, also wieder den Bereichen des Körpers zugeordnet, denen der Wunsch entsprach. Bei den Vorstellungen der Väter von dem, was ihre Kinder von ihnen fordern könnten, standen der Beziehungsaspekt und das gemeinsame Zeitverbringen im Vordergrund.

Parallel zu der Aufgabe der Väter formulierten oder malten die Kinder ebenfalls drei nichtmaterielle Wünsche an ihre Väter. Die jüngeren Kinder bekamen Unterstützung von ihren älteren Geschwistern oder den Betreuern.

Nach einer Kaffeepause überreichten die Kinder ihren Vätern ihre Wünsche. Die Idee der Kinder war es, daß die Väter sie einzeln im Raum suchen sollten. Da der große Raum viele Einbauschränke besaß und einiges an Spielmaterial vorhanden war (Fallschirmtuch), war es nicht sehr einfach für die Väter, ihre eigenen Kinder zu finden. Sobald der suchende Vater sein/e Kind/er gefunden hatte, bekam er den/die Wunschzettel überreicht. Faszinierend war für uns die symbolische Form des Versteckens. Der Vater mußte sich auf die Art des Kindes einlassen, um zu erkennen, was es von ihm haben möchte.

In einer neuen Väterrunde wurden die Wünsche der Kinder mit den eigenen Vorstellungen verglichen. Es gab oft bis ins Detail übereinstimmende Wunschzettel. Ein Referent übernahm die Moderation. Der Moderator dieser Runde bat die Väter, je einen Wunsch pro Kind den anderen Vätern vorzustellen. Dieser Wunsch sollte in den folgenden Wochen mit dem Kind realisiert werden.

Nach dem Mittagessen gab es noch eine Abschlußrunde in der gesamten Gruppe. Die Auswertung von seiten der Teilnehmer fiel durchweg positiv aus. Die Stimmung in der Gruppe war von Nähe und Wärme geprägt.

Situation nach dem Seminar

Frage: Wie ging es der Familie nach dem Seminar? Was haben die Väter von dem was sie sich vornahmen, seit dem Seminar umgesetzt?

An dem Nachtreffen zwei Monate später nahmen elf Väter und ihre Kinder teil. Sie hatten ein üppiges Buffet organisiert. Die Atmosphäre war sehr gut. Bei Gesprächen mit den Vätern stellten die Referenten deutliche Tendenzen fest:

  • die Väter nahmen sich mehr Zeit für ihr Kinder
  • es wurden gemeinsame Unternehmungen durchgeführt
  • die Väter hatten das Gefühl einer bewußteren und stärkeren Vaterrolle
  • Veränderungen in der Paarbeziehung wurden festgestellt

Bei dem Nachtreffen konnten die gewünschten Effekte und Veränderungen deutlich erkannt werden. Die Kinder äußerten den Wunsch, gleich wieder so ein Vater-Kind-Wochenende zu machen.

Ausblick

Der Wunsch aller beteiligten Väter war es eine Fortsetzung des Seminars in zwei Jahren durchzuführen. Das Thema eines weiteren Seminars wäre dann die Beleuchtung der Zeit zwischen den beiden Seminaren, eine Betrachtung der Entwicklung der Kinder und der Vater-Kind-Beziehung, sowie der familialen Beziehungsdynamik. Es wäre natürlich auch sehr interessant zu betrachten, ob die Auswirkungen des ersten Seminars auf längere Sicht hin stabil geblieben sind oder ob sich der Alltag wieder so einstellt, wie er vor dem ersten Seminar war.

Randolf Hummel und Max Reister
Elternseminar des Jugendamtes Stuttgart
Wilhelmstr. 3
70182 Stuttgart
Tel: 0711/216-7833/ Fax: 0711/216-8572

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