Väter und Geburt
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Position
der Männer bei der Geburt verändert, vom "Ausgeschlossensein"
zum durchaus erwünschten Begleiter im Geburtszimmer. Dieser
Entwicklung folgend, haben Hebammen, Gynäkologen und andere
Fachleute Männern Aufgaben zugewiesen, damit sie sich nützlich
machen.
Nur wenige Gesellschaftsformen gestehen dem
Mann eine aktive Rolle bei der Geburt zu, oft werden sie von
diesem exklusiv weiblichen Geschehen ausgeschlossen. In verschiedenen
traditionellen Kulturen und früher auch in unseren Gegenden,
erhielten die Väter während der Geburt Aufmerksamkeit durch
ein spezielles Ritual namens "Couvade". Heute nehmen
neue Traditionen diesen Platz ein, welche der eigenen Erfahrung,
der eigenen Wahrnehmung der Männer bei der Geburt keinen Raum
geben. Die neue Rolle des Vaters bei der Geburt definiert
sich mehr aufgrund der Bedürfnisse der Frau als an seinen
eigenen und verhindert so die Gelegenheit für den Mann, die
Geburt für sich selbst zu erleben.
"Ich hatte mich sehr angestrengt, um die
Richtlinien aus dem Geburtsvorbereitungskurs zu befolgen,
habe versucht, das Personal zu unterstützen und meiner Frau
beizustehen. Aber etwas fehlte (...). Die Aufgaben, die mir
bei der Geburt zugewiesen waren, entsprachen nicht meinen
Fähigkeiten oder meinen Bedürfnissen" (Richard Reed).
Es ist wichtig, den Mann bei der Geburt als
eigene Person wahrzunehmen, mit seinem Erleben, und nicht
nur als ein Assistent. Es muß daran erinnert werden, daß der
Mann in dem Moment zum Vater wird, dies ist eine radikale,
folgenschwere Veränderung. Diese Veränderung wird noch schwieriger
dadurch, weil diese werdende Vaterschaft sehr wenig Unterstützung
erfährt und weil der Foetus sich außerhalb des väterlichen
Bereiches entwickelt. Außerdem können sich die Männer nicht
auf diesbezüglich Erfahrungen ihrer Vorgänger berufen und
Rituale, wie die "Couvade" sind verschwunden. Diese
Tradition erkannte die Schwierigkeiten diese Überganges an
und half dem Mann dabei. Bei der "Couvade" ahmt
der werdende Vater die Geburtsschmerzen seiner Frau nach und
legte sich neben die Mutter.
Der Mann ist im Kreissaal nicht nur der Begleiter
seiner Frau, sondern vor allem ein Mensch mit seiner eigenen
Geschichte. Seine Vergangenheit, sein Erleben müssen beachtet
werden, um ihm zu ermöglichen an einem Ereignis teilzunehmen,
das für ihn alles andere als unbedeutend ist. Außer der Möglichkeit,
daß er seine eigene Geburt durch die seines Kindes durchlebt,
wohnt er einem rein weiblichen Phänomen bei, das ihn zum Vater
macht.
Angesichts dieser Verstrickungen und der neuen
Vaterrolle, die sich den Männern eröffnet, scheint es wichtig
zu sein, "schwangeren" Männern eine Hilfe und Begleitung
bei ihrem "Vater-werden" zu bieten. Nur wenn sie
ihre Vaterschaft mit Zuversicht angehen können, werden sie
für ihre Partnerin und ihr Baby eine wirksame Unterstützung
sein, nach ihrer Art und Weise.
Für den schwangeren Mann geht es darum, sich
auseinanderzusetzen mit seiner Vaterrolle, um was es dabei
geht, was sich für ihn verändert, was seine Phantasien und
Anschauungen über Geburt sind. Kindheitserinnerungen, Ängste
und Erinnerungen an sein Verhältnis zu seinem Vater können
auftauchen. Der Mann braucht seine eigene Vorbereitung, ehe
er die werdende Mutter begleiten kann. Gesprächsrunden für
Väter in den Entbindungsstationen oder außerhalb, Begleitung
durch Haptonomie, Gespräche mit dem werdenden Großvater oder
Freunden können eine beachtliche Hilfe sein.
Eine möglichst frühe Vorbereitung in der Schwangerschaft
auf die Vaterschaft wird ihm einen ausreichenden Raum schaffen,
um dieses Gefühl wachsen zu lassen und wird es dem Mann ermöglichen,
in der Geburt eher die Erfüllung dieser neuen Rolle zu sehen,
als deren Beginn. Diese Vorbereitung wird auch für eine zuversichtliche
Geburtsbegleitung ermöglichen.
Nach dieser Vorbereitung und Verarbeitung kann
an die Unterstützung bei der Geburt gedacht werden, aber unter
Berücksichtigung seiner eigenen Erfahrungen und Grenzen. Es
ist für den Mann wichtig, daß er das tut, was seinen Wünschen
entspricht und machbar ist, sogar wenn das bedeutet, daß er
bei der Geburt nicht anwesend ist, weil es für ihn zu belastend
ist. Es gibt da keine Verpflichtung. Es wäre unüberlegt, jetzt
alle Männer in den Kreißsaal zu bringen, und dies manchmal
gegen ihren Willen, nachdem man sie vorher völlig ausgeschlossen
hat. An dieser Stelle muß die Wichtigkeit des Dialogs zwischen
dem Paar über dieses Thema unterstrichen werden, um ein gemeinsames
Projekt rund um die Geburt zu erschaffen. Was wollen wir,
was wollen wir nicht, was passiert bei Komplikationen, was
sind die eigenen Erwartungen und Grenzen? Diese fundamentale
Diskussion wird es ermöglichen, sich am Tag X in der Partnerschaft
nah zu sein. Manche dieser Erwartungen sollten auch der Klinik
oder der Hebamme unterbreitet werden, damit die eigenen Vorstellung
mit den Möglichkeiten und Routinen der Fachleute abgeklärt
werden können.
Für den Vater ist es außerdem wichtig, sich
auf die Geburt selbst vorzubereiten. Für ihn ist es genauso
wichtig wie für seine Frau, über den Verlauf der Schwangerschaft
und der Geburt informiert zu sein, um sie auf möglichst positive
Art und Weise erleben zu können. Lektüre, Geburtsvorbereitungskurse,
Gespräche mit Freunden, können hier unter anderem wichtige
Informationen bringen.
Das alles ermöglicht es dem Vater, die Geburt
seines Kindes bewußter und verfügbarer zu begleiten. Aus dem
physischen Abstand heraus - die Geburt passiert im Körper
der Frau - kann er sich in aufmerksamer Bereitschaft seiner
Frau widmen und die Rolle des Vermittlers zum Personal spielen,
was die Wünsche des Paares anbelangt. Das ermöglicht es der
Frau, im Vertrauen auf ihren Partner, sich ganz auf die Vorgänge
in ihrem Körper einzulassen und loszulassen, was sehr wichtig
ist für die Geburt ihres Kindes.
Der Mann kann die Gebärende auch ganz konkret
unterstützen, indem er sie bei verschiedenen erleichternden
Positionen unter der Geburt stützt, die Nabelschnur durchtrennt,
das Neugeborene zum ersten Mal badet, das Baby zur Mutter
reicht, alles Vorgänge, die eine wichtige Funktion erfüllen:
das Kind empfangen und ihm die Welt eröffnen.
Um den Platz des Vaters bei der Geburt zu bestimmen,
muß man seine Entwicklung zur Vaterschaft und seine Wahrnehmung
dieser Geburt in Betracht ziehen. In dieser Hinsicht ist es
vorrangig, daß es für werdende Väter Stellen gibt, wo ihnen
zugehört wird und sie Unterstützung finden können. Das erleichtert
es dem Mann zu seiner Vaterrolle zu finden, seine Partnerin
bei der Geburt zu unterstützen und sein Kind beim "auf
die Welt kommen" zu begleiten in seiner Sozialisierungsfunktion.
Angesichts dieser Aufgaben, die sich als physische
und psychische Prüfungen offenbaren, wäre es wünschenswert,
wenn den Männern mehr Pause nach der Geburt gewährt würde,
wie bei der "Couvade". Dies wäre ein besserer Rahmen
für die lange Arbeit, in der Männer und Frauen zu Vätern und
Müttern werden und würde optimale Rahmenbedingungen schaffen.
Samuel François
Übersetzung: Corinne Lauterbour-Rohla
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