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Mann ist Mann?

Geschlechteridentität und Geschlechterpraxis in Deutschland

Grundlage meines Beitrags ist die im Jahr 1998 durchgeführte Männer-Studie über Selbstbilder von Männern und Bilder, die Frauen von Männern haben. Paul M. Zulehner (Wien) und ich haben männliche Lebensinszenierungen untersucht in den Bereichen: (a) Berufswelt, (b) Privat- bzw. Familienwelt und (c) Innenwelt, parallel dazu weibliche Sichtweisen auf männliches Verhalten und Partnerschaft/Familie.

Insgesamt 2014 Männer und Frauen wurden in einer repräsentativen Untersuchung befragt. Auftraggeber waren die Katholische und die Evangelische Kirche in Deutschland, Finanzier das Bundesfamilienministerium

1. Die Typologie der Geschlechtsrollen

Grundlegendes Konstruktionsprinzip unserer Studie ist eine Geschlechterrollen-Typologie. Sie geht von einem traditionellen und einem erneuerten Rollenbild aus, je einem für Männer und einem für Frauen. Die vier Rollenbilder sind konkretisiert und operationalisiert in insgesamt vier Indices, die in der folgenden Abbildung dargestellt sind. Die Aussagen, die die Indices bilden, sind durch das statistische Verfahren der Faktorenanalyse gewonnen, spiegeln also die Zuordnung durch die Befragten selbst wider.

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Aus der Kombination und Abstufung der Indices ergeben sich die vier für die Studie grundlegenden Geschlechterollen-Typen:

  • die Traditionellen: diese Personen haben hohe Werte bei den beiden "traditionellen Indizes" und niedrige bei den "neuen";
  • die Neuen: hier ist es gerade umgekehrt: hohe Werte bei den "neuen" Indizes, niedrige bei den "traditionellen";
  • die Pragmatischen: diese Gruppe hat hohe traditionelle, aber zugleich hohe neue Anteile! Traditionell: Mann soll bei Begegnung ersten Schritt tun, persönlicher Arbeitssinn für den Mann, Frau ist besser für Kindererziehung geeignet, Männer machen ohnehin, was sie wollen, Frau braucht Kinder für erfülltes Leben, neu: die Berufstätigkeit der Frau wird positiv gesehen; beide Partner sollen für Haushalt und Kinder zuständig sein und zum gemeinsamen Haushaltseinkommen beitragen. Weibliche Berufstätigkeit hat keine negativen Folgen für das Kind. Ein männlicher Erziehungsurlaub wird als Bereicherung empfunden. Die Emanzipation der Frau wird eher begrüßt.
  • die Unsicheren: weil die Personen in diesem vierten Cluster niedrige Werte bei allen Indizes haben, vermuten wir, daß es sich um die Verunsicherten handelt. Sie stimmen weder den traditionellen noch den neuen Rollenbildern sicher zu. Traditionell: eher negativ gegenüber berufstätiger Frau und Kindererziehung, berufstätiger und unabhängiger Frau, Arbeitsteilung bei Beruf und Haushalt, sowie generell bezüglich Frauenemanzipation; neu: männliche Initiative bei Kontaktaufnahme wird eher abgelehnt, ebenso daß Mann bestimmt, was er will. Der persönliche Sinn der Arbeit für den Mann wird auch mehr in Frage gestellt. Abgelehnt wird auch die Meinung, daß eine Hausfrauentätigkeit befriedigend ist und Frauen besser für die Kindererziehung geeignet sind.

Deutliche Unterschiede bestehen zwischen Ost- und Westdeutschland vor allem bei den Frauen. Die Verteilungsunterschiede bei den Männern sind geringer, haben aber die gleiche Tendenz: weniger traditionelle Rollenbilder in Ostdeutschland und dafür mehr erneuerte.

Der hohe Anteil "neuer" Frauen in Ostdeutschland dürfte, zugespitzt formuliert, zusammenhängen mit:

  1. der fast durchgängigen weiblichen Erwerbstätigkeit in der DDR,
  2. dem um die Erwerbstätigkeit beider (Ehe)Partner organisierten System der Kindererziehung und
  3. dem ostdeutschen Lebensformideal einer Familie mit zwei Kindern bei voller Erwerbstätigkeit beider Elternteile [1].

Die Altersverteilung erbringt folgendes: Bei den älteren Männern sind die Traditionellen die stärkste Gruppe, bei den "Mittelalten" die Unsicheren und, in gewissem Abstand, die Pragmatiker und Neuen. Bei den Jüngsten sind, was nicht verwundert, die Unsicheren die größte Gruppe, die zweitgrößte die Pragmatiker, an dritter Stelle die Traditionellen (!), die damit noch vor den Neuen liegen.

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2. Männliche Lebensinszenierung

Das Alltagsleben von Männern, ihre "Lebensinszenierung" wurde anhand drei großer Bereiche untersucht:

(a) Arbeits- bzw. Berufswelt,

(b) Privat- bzw. Familienwelt, wobei "Familie" im soziologischen, und nicht im rechtlichen oder sozial-ethischen Sinne, verwendet wird, also Ehen bzw. Familien "ohne Trauschein" und "Ein-Eltern-Familien" mit einschließt, und

(c) Innenwelt: die Gefühle, die Emotionalität, die Körperlichkeit, die Sexualität, den Umgang mit Schmerz, Leid und Tod, generell den Bezug zur Transzendenz, speziell die Religiosität und Kirchlichkeit.

Im Vergleich zum traditionellen Mann hat der neue Mann seine Einstellungen in allen drei Lebensbereichen im Blick auf eine Reihe von Alltagssituationen deutlich verändert. Die Veränderungen, die sich auch als "Emanzipationsgewinne" interpretieren lassen, sind in dem folgenden Schaubild im Überblick dargestellt.

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(a) Arbeits- bzw. Berufswelt

Der neue Mann ist vergleichsweise solidarischer mit Kollegen wie Kolleginnen. Er akzeptiert die Beförderung eines Mannes oder einer Frau deutlich stärker als ein traditioneller Mann.(Neuer Mann: 73% [Kollege] bzw. 75% [Kollegin] versus traditioneller Mann: 44% [Kollege] bzw. 39% [Kollegin]).

Der traditionelle Mann ist konkurenziell eingestellt – obwohl er gleichzeitig einen vergleichsweise geringeren Druck auf seinen Arbeitsplatz empfindet als die neuen Männer. Umgekehrt ist der neue Mann, gewissermaßen gegen seine "objektiv" stärkere Arbeitsplatzdrucksituation, auch mit Blick auf die Entlassung anderer solidarischer. Die Grenzen seiner Solidarität werden allerdings sichtbar, wenn man seine Entlaßbereitschaft im Detail untersucht. Die Befragten konnten vier Gruppen von Beschäftigten zur Entlassung vorschlagen: Ausländer, Ältere, Frauen, Behinderte. So votieren die Männer.

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Zwar behauptet der neue Mann seine Position als vergleichsweise solidarischster Typ, doch ist fast die Hälfte (45%) der neuen Männer bereit, Ausländer vor Inländern, und genau ein Viertel dafür, Ältere vor Jüngeren zu entlassen...

(b) Privat- bzw. Familienwelt

Betrachtet man, wer nach Auffassung der Männer in der (Partner- oder Ehe)Beziehung für welche Aufgaben zuständig ist, werden neben "Emanzipationsgewinnen" bei den neuen Männern auch "Schieflagen" deutlich: Zwar fühlen sich die Pragmatiker und Unsicheren, und eben noch weniger die Neuen in der Rolle des Alleinernährers und des "pater familias", doch gehen sie dafür keineswegs in die klassisch-weiblichen Felder der partnerschaftlichen Innenarchitektur hinein: die emotionale Gestaltung, den Ausgleichs bei Streit oder die Sorge um ein gemütliches Heim. Hier bewahren alle Männer(typen) die traditionelle Distanz.

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Diese Mischung von relativem "Emanzipationsgewinn" und "Schieflage" durchzieht weite Bereiche der Studie, so auch die Aufteilung von Haushaltstätigkeiten zwischen Mann und Frau. Dargestellt wird in der Graphik auf der folgenden Seite der Grad der männlichen Delegation bestimmter Aktivitäten an die Partnerin/Ehefrau.

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Sichtbar werden "klassisch" männliche Haushaltstätigkeiten rund um's Autowaschen, technische und nach außen gerichtete Aktivitäten, die wenig delegiert werden, und ebenso "klassisch" weibliche: hausinterne, überwiegend reinigende Tätigkeiten, die von den traditionellen Männern am stärksten, aber auch von neuen Männern mit gleicher Grundtendenz an die Partnerinnen delegiert werden. Wie vor zehn Jahren in der Brigitte-Studie [2] ist das Bügeln die Nummer eins der "Negativ-Liste"...

Noch stärker ist die "Schieflage" bei den Tätigkeiten, die Väter mit ihren Kindern ausführen. Unsichere und neue Männer beteiligen sich zwar mehr als traditionelle, die Grundstruktur bleibt jedoch bestehen: Männer bevorzugen "saubere" und eher nach außen gerichtete Aktivitäten, wie Spazierengehen, Schulfeste und Elternsprechtage, und überlassen den Frauen eher die "feuchten", innerhalb des Hauses angesiedelten Tätigkeiten: sich um die Kinder kümmern, wenn sie krank sind oder gewaschen werden müssen, sie ins Bett bringen, Hausaufgaben mit ihnen machen. In diese Kategorie gehört anscheinend auch, mit den Kindern zu beten...

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Das Bedürfnis, im Haus- und Erziehungsbereich stärker präsent zu sein, übertrifft die faktische Inanspruchnahme des sog. Erziehungsurlaubs (rund 1% - 3% der Männer in Deutschland) bei weitem. Mehr als ein Drittel aller deutschen Männer empfinden es als eine Bereicherung, für die Erziehung des Kindes in Karenz zu gehen; bei den neuen Männern sind es sogar knapp zwei Drittel.

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In eine ähnliche Richtung geht auch der verstärkte Kinderwunsch bei Männern.

25% der Männer wünscht sich ein (zusätzliches) Kind, im Vergleich zu 19% der Frauen. Zwar hängt der (zusätzliche) Kinderwunsch von der Zahl der bereits vorhandenen Kinder ab. Doch ist bei neuen Frauen, vor allem aber bei neuen Männern, der (zusätzliche) Kinderwunsch überdurchschnittlich hoch: bei 23% der neuen Frauen bzw. 32%(!) der neuen Männer.

(c) Innenwelt

Neue Männer sind offensichtlich näher "an ihren Gefühlen". Sie können sie besser in Worte fassen und mit anderen über sie reden, sei es mit der eigenen Partnerin/Ehefrau, sei es mit Freundinnen und vor allem Freunden. Aus diesen und anderen Aktivitäten wurde ein Index "Gefühlsstärke" gebildet. Die Graphik auf der nächsten Seite zeigt die Ergebnisse.

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Dieses Schaubild zeigt neben den Selbstbekundungen der Männer auch die Sicht der Frauen auf sie: Die Frauen sind zwar den Männern gegenüber skeptischer als diese sich selbst gegenüber. Doch entsprechen die vier Gruppen einander. Die Frauensicht spiegelt, mit einem weiblichen "Skepsisabzug", in den vier Rollentypen die Sicht der Männer wider. Dies ist ein Hinweis auf eine Tatsache, die sich auch bei anderen Analysen in der Studie bestätigt: daß sich bevorzugt Männer und Frauen derselben Rollengruppe zusammentun. Es gilt im Blick auf die Geschechtsrollenbilder die Regel der Homogamie bzw. salopp formuliert: "Gleich und gleich gesellt sich gern".

Im Blick auf die Sexualität und die generelle Lebenszufriedenheit "lohnt es sich" anscheinend, ein erneuerter Mann zu sein. Drei Viertel der neuen Männer, und "nur" die Hälfte der traditionellen, sind mit ihrem Sexualleben "zufrieden" bzw. "sehr zufrieden". Diese Befindlichkeit hängt statistisch hoch signifikant mit dem Verhältnis zur Homosexualität zusammen; (hetero)sexuelle Zufriedenheit korreliert positiv mit der Akzeptanz von Homosexualität. Zur Illustration einige Prozentzahlen: Zwei Drittel der neuen Männer (64%) sind der Auffassung, daß man Homosexualität auch in der Öffentlichkeit zeigen dürfe, nur ein Sechstel der traditionellen Männer (16%) denkt so.

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Ein brisanter Aspekt der Innenwelt ist das Verhältnis zur Gewalt. Wir haben untersucht, in welchem Ausmaß die Befragten Gewalt gegen bestimmte Gruppen akzeptieren: Frauen, Kinder, Angehörige anderer Ethnien. Wir haben die verschiedenen Aussagen zu einem Index "Gewaltakzeptanz" gebündelt. Der Index ist gedrittelt worden nach schwacher, mittlerer und starker Gewaltakzeptanz. Der Befund ist brisant: Zwar zeigt nur eine Minderheit aller Männer starker Gewaltakzeptanz an, doch ein erheblicher Teil der Männer, traditionelle und pragmatische Männer jeweils in ihrer Mehrheit (!), erweisen eine immerhin mittlere Gewaltakzeptanz.

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Eine weitere "Schieflage" ergibt sich beim neuen Mann, wenn seine relativ ausgeprägte emotionale Offenheit und Ausdrucksfähigkeit einerseits und sein Umgang mit Schmerz, Leid und Tod sowie generell sein Transzendenzbezug, seine Religiosität und Kirchlichkeit auf der anderen Seite miteinander in Beziehung gesetzt werden. In diesen Bereichen steckt der neue Mann zurück, und der traditionelle, auch der pragmatische Mann, haben hier mehr Zugänge und "Ressourcen".

Bedeutsamkeit der Lebensbereiche

Erwerbsarbeit ist für Männer aller Typen wichtig. Bei den Frauen zeigt sich deutlich, daß die traditionelle Frau Hausfrau ist. Die neue Frau dagegen hat in der Bedeutung, die sie der Arbeit gibt, mit den Männern gleichgezogen.

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Die relative Bedeutsamkeit der Arbeit und anderer Lebensbereiche ergibt ein vielschichtiges Bild.

(1) In der Grundstruktur sind sich Männer und Frauen ähnlich: An erster Stelle kommt die Familie, dann die Arbeit. In einem mittleren Bereich liegen: Freunde und Freizeit, im hinteren Drittel: die Politik. Schlußlichter sind Religion und Kirche.

(2) In der jeweiligen Intensität jedoch unterscheiden sich Männer und Frauen: Die Familie steht bei letzteren deutlicher an der ersten Stelle als bei den Männern. Freizeit, auch die Politik, ist den Männern wichtiger als den Frauen. Religion und Kirche sind nach wie vor den Frauen wichtiger als den Männern.

(3) Noch spannender ist der Blick der Frauen auf die Männer. Sie nehmen den Männern den ersten Platz für die Familie augenscheinlich nicht ab, sondern supponieren den Top-Platz der Männer bei - der Arbeit! Noch stärker ist die Diskrepanz von Männerselbstbild und weiblichem Männerbild bei der Politik: während ein Viertel der Männer diesen Bereich relevant findet, unterstellen ihnen dies die Hälfte der Frauen!

Die folgende Grafik veranschaulicht diese Sachverhalte im Detail.

Männliche und weibliche Eigenschaften

Je nach Standpunkt und Werthaltung sind die Ergebnisse im Blick auf "typisch" männliche und "typisch" weibliche Eigenschaften überraschend oder aber bestätigen die Erwartungen. Nach wie vor fädeln sich deutlich männliche Eigenschaften um die Achse aktiver, rationaler, dominierender Merkmale auf, weibliche dagegen auf der Achse körperlich anziehender, gefühlvoller und kommunikativer Merkmale. Und dies nicht nur in der Sicht der Männer, sondern, mit geringen Abweichungen, auch aus dem Blickwinkel der Frauen. Über das, was einen Mann, und das, was eine Frau ausmacht, gibt es offensichtlich einen geschlechterübergreifenden kulturellen Konsens in unserer Gesellschaft. Das folgende Schaubild versinnbildlicht dies eindrucksvoll.

Grafik anzeigen

Frauen billigen den Männern die aktiv-männlichen Eigenschaften etwas weniger zu als diese sich selbst, neue Frauen noch ein bißchen weniger. Die neuen Männer sind etwas selbstkritischer als die traditionellen und billigen sich die aktiv-männnlichen Merkmale weniger zu (etwa auf dem Level der Frauen) und betonen etwas stärker die kritisierbaren Eigenschaften wie Redseligkeit und Gewalttätigkeit. Im Blick auf die weiblichen Charakterisitika sind die Unterschiede nach Geschlechtsrollentypen marginal. Diese Differenzierungen treten angesichts des übergreifenden Konsenses zurück!

Ein ähnliches Bild erbringt die Frage nach der Traumfrau der deutschen Männer. Zwar unterscheiden sich traditionelle und neue Männer in ihren Prioritäten - Häuslichkeit und Anschmiegsamkeit sind traditionellen Männern wichtiger, Selbständigkeit und Intelligenz den neuen –, doch das Traumbild der körperlich attraktiven und emotional warmherzigen Frau bleibt allen Männern gemeinsam.

Die Merkmale der "Traumfrau" ordnen sich in der Faktorenanalyse konsistent zu drei Typen:

  • die "attraktive Gefühlvolle"; Merkmale: Intelligenz, Gefühlswärme, Häuslichkeit, Attraktivität, Verständnis für Probleme, daß sie immer zu mir hält, erotische Ausstrahlung
  • die"Autonome"; Merkmale: Erwerbstätigkeit, Selbständigkeit, Durchsetzungsvermögen;
  • die "Fee"; Merkmale: Reichtum, Schönheit und Opferbereitschaft:

Das Ergebnis: Im Gesamtdurchschnitt ist die Favoritin der deutschen Männer die "attraktive Gefühlvolle" (41%), sodann mit deutlichem Abstand die "Autonome" (13%) und an dritter Stelle die "Fee" (8%). Bei Frauen - sie mutmaßen das Bild der Männer - rückt die "Fee" an die zweite Stelle! ("Gefühlvolle": 52%, "Fee": 32%, "Autonome": 10%). Neue Männer und neue Frauen werten die Dimension "Autonomie" in der männlichen Traumfrau beträchtlich auf: Die Werte vervierfachen sich bei den neuen Männern und verdreifachen sich bei den neuen Frauen. Die Veränderung im idealen Frauenbild bei (neuen) Männern betrifft aber allein die wachsende Bejahung weiblicher Autonomie. Die anderen beiden Traumfrau-Typen verlieren deswegen nicht an Gewicht.

Die starke Kontinuität in der Geschlechteridentität, im Bild vom Mann- und Frausein, ist bei sozialpolitischen wie unternehmenspolitischen Maßnahmen zu berücksichtigen. Sonst gehen sie, bildlich gesprochen, vielleicht nicht über die Köpfe der Leute, wohl aber über ihre Herzen und Bäuche hinweg und provozieren auf diese Weise rekursive Effekte. Anders ausgedrückt: Die Maßnahmen verheddern sich im "Dickicht der Gefühle" - und verfehlen so ihre Ziele.

3. Résumé und Ausblick

Ein großer Teil der Forschungsergebnisse löst die Frage aus, ob "das Glas Wasser halb voll oder aber halb leer" ist: Haben sich substanzielle Veränderungen ergeben, oder ist letztlich alles beim Alten geblieben? Häufig halten sich "Emanzipationsgewinn" und "Schieflage" die Waage. Der letzte Themenbereich, die Geschlechtsidentität, weist darüber hinaus in die Richtung, daß je "tiefer" es geht, je stärker psychosoziale Kernbereiche der personalen Identität berührt werden, Veränderungen unwahrscheinlicher werden.

Die Männer-Studie enttäuscht vielleicht diejenigen, die auf raschere und tiefergreifende Änderungen in Identität und, noch stärker, in der Praxis der Geschlechter, gehofft haben. In der Tat läßt sich fragen: Sind die Veränderungen, die sich in der Zeitachse von Helge Pross' Untersuchung [3] (1978) über Sigrid Metz-Göckel's "Brigitte"-Studie [4] (1986) bis heute ausmachen lassen, nun substanziell, oder aber sind die Männer letztlich doch stehengeblieben und haben lediglich eine "genderfreundliche" Oberflächenrhetorik angenommen?... Die Ergebnisse dürften aber auch die enttäuschen, die zu wissen meinten, daß der "neue Mann" nur ein Hirngespinst der Männerbewegung sei und "die" Männer dieselben geblieben seien. Dafür sind die qualitativen und statistisch durchschlagenden Unterschiede zwischen den vier Männertypen zu prägnant. Nach der Männer-Studie kann nicht mehr von "den" Männern in Deutschland als einer homogenen Gruppe gesprochen werden - so wenig wie es "die" Frauen in Deutschland gibt.

Im Gegenteil. Die Studie "Männer im Aufbruch" bietet reichhaltiges und differenziertes Material, um für die verschiedenen Lebensbereiche von Männern Kontexte, "Begleitumstände" und rekursive Effekte geschlechterpolitischer Aktivitäten und Maßnahmen realistischer einschätzen zu können.

Rainer Volz
sozialwissenschaftliches institut der ekd (swi-ekd)
Querenburger Höhe 294
D-44801 Bochum
Mail: swi-ekd-bochum@tmr-online.de

Literaturhinweis: Paul M. Zulehner, Rainer Volz, Männer im Aufbruch - Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen - Ein Forschungsbericht. Schwabenverlag Ostfildern 1998, 3. Auflage 1999. 336 Seiten mit 127 Tabellen und 162 Abbildungen. ISBN:3-7966-0938-4

 

[1] Vgl. Schulze Buschoff Karin, "Lebensentwürfe, Lebensformen und Lebensqualität", in: ZfS, Jg. 26(1997), H. 5, 352-367, bes.: S. 358; vgl. auch: Schröter Ursula, "Ostdeutsche Frauen im Transformationsprozeß" in: APZG, B 20/95 (12.05.1995), 31-42.

[2] Metz-Göckel Sigrid, u.a., Der Mann: die Brigitte-Studie, Weinheim:Beltz 1986

[3] Pross Helge, Die Männer. Eine repräsentative Untersuchung über die Selbstbilder von Männern und ihre Bilder von der Frau, Reinbeck:Rowohlt 1978

[4] Metz-Göckel Sigrid, u.a., Der Mann: die Brigitte-Studie, Weinheim:Beltz 1986

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