Ansatzpunkte einer neuen Geschlechterpolitik
Die Gleichberechtigungspolitik tritt auf der
Stelle und droht zunehmend von der Tagesordnung zu verschwinden.
Mit den folgenden Thesen plädiere ich dafür, die Männerfrage
in der Diskussion um das Geschlechterverhältnis ins Zentrum
der Bemühungen zu stellen.
1. Stagnation im Geschlechterverhältnis
Wenn man die Ausgewogenheit des Geschlechterverhältnisses
daran mißt, wie gleichmäßig Männer und Frauen im Berufs- und
Erwerbsleben bzw. in der Familienarbeit verteilt sind, dann
muß man leider feststellen, daß es auf beiden Seiten kaum
vorangeht.
Seit Jahren nehmen in Deutschland nicht mehr
als 2% Männer Erziehungsurlaub, in Teilzeit arbeiteten bis
letztes Jahr erst 13%. Das bedeutet andererseits: Für Familienorganisation
und Kinderbetreuung sind es zu 98% die Frauen, die vorübergehend
(oder ganz) aus dem Berufsleben ausscheiden. Ihr Wiedereinstieg
ist zwar häufiger geworden, aber überwiegend in Teilzeitarbeit
oder ungeschützte Arbeitsverhältnisse. Das gilt auch für den
Ersteinstieg ins Berufsleben. So sind zwar mehr Frauen berufstätig,
arbeiten aber zusammengenommen nicht länger.
2. Kein Ausdruck von Zufriedenheit
Daß sich im Geschlechterverhältnis so wenig
verändert, bedeutet nun aber keineswegs, daß alle zufrieden
sind. Die Frauen sind unzufrieden, weil es ihnen so schwergemacht
wird, Beruf und Familie zu vereinbaren. Entweder sie konzentrieren
sich voll auf Beruf und Karriere, dann müssen sie als Mutter
Kompromisse machen. Oder sie stellen ihre familiäre Rolle
in den Mittelpunkt, dann werden sie auf ihre berufliche Selbstverwirklichung
mehr oder weniger verzichten müssen.
Bei den Männern ist die Unzufriedenheit nicht
so offenkundig. Aber insgeheim sind sehr viele Männer und
Väter unzufrieden damit, daß sie sich nicht stärker um Familie
und Kinder kümmern oder haben kümmern können. "Ich bedaure
es unheimlich, daß ich das nicht mit den Kindern habe machen
können, was teilweise meine Söhne jetzt machen können. Ich
kann kaum hinsehen, wie die sich mit den Kindern heutzutage
beschäftigen und was ich in diesem Lebensabschnitt verpaßt
habe", berichtet ein Großvater im PAPS-Interview. Eine
lebenslange Orientierung ausschließlich an beruflichen Themen
und Erfolg wird letzten Endes als zu eindimensional empfunden.
Auch die ungebrochene Zunahme von Trennungen
und Scheidungen ist ein Beleg dafür, daß das Verhältnis der
Geschlechter weit von einem befriedigenden Zustand entfernt
ist. Hauptgrund von Trennungen und Scheidungen ist, daß sich
die Partner in ihren Rollenzuordnungen nicht auf einen gemeinsamen
Lebensentwurf haben verständigen können. Frauen haben oft
andere Erwartungen hinsichtlich des partnerschaftlichen Interessenausgleichs,
denen Männer nicht entsprechen können oder wollen, weil sie
oft aus ihren alten Rollen noch nicht so weit herausgewachsen
sind wie die Frauen. Die Notwendigkeit, die Geschlechterrollenfrage
weiterhin auf die Tagesordnung zu setzen, wird noch offensichtlicher,
wenn man bedenkt, daß es hier auch um die Kinder geht. Die
können nicht damit zufrieden sein, nach Trennungen mit hoher
Wahrscheinlichkeit den Bezug zu ihrem Vater weitgehend zu
verlieren, wo sie doch ohnehin schon - was Erwachsene betrifft-
bis zum 10. Lebensjahr zu 90% mit Frauen zu tun zu haben:
mit ihren Müttern, mit Erzieherinnen und Lehrerinnen. Erst
wenn sie älter werden und höhere Bildungseinrichtungen besuchen,
haben sie mehr mit Männern zu tun. Daß fast alle Kinder auf
diese Weise mindestens bis 10 Jahre in überwiegend weiblich
geprägten sozialen Bezugswelten aufwachsen, ist für sie, ohne
die weibliche Erziehungsleistung schmälern zu wollen, ein
Defizit - "Vater Morgana" sozusagen.
Kinder brauchen Väter. Sie brauchen beide Elternteile,
aber es fehlen zum großen Teil die Väter, und dies nicht nur
aufgrund von Trennung und Scheidung, sondern sie fehlen auch
im Alltag. Auch ein voll berufstätiger Ehemann und Vater lebt
im Grund ein defizitäres Verhältnis zu seinen Kindern: Die
Kinder haben nicht das, was sie von einem Vater brauchen.
Sie haben nicht das alltägliche Rollenvorbild, an dem sie
sich orientieren können. Das ist für Mädchen sowie für Jungen
ein Problem, vielleicht ist es für Jungen ein größeres Problem,
weil es bei Jungen darauf ankommt, daß sie ein Konzept von
Männlichkeit entwickeln. Wenn sie niemanden haben, an dem
sie sich orientieren können, der Ihnen vorlebt, wie Männlichkeit
aussieht, wird es schwer, dann weichen sie auf andere Rollenvorbilder
aus - und die werden ihnen zuhauf über die Medien angeboten:
von Rambo bis Terminator, aber auch subtiler.
Die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft
hat - wenn man diesen Gedanken fortführt- viel mit mißlungenen
männlichen Sozialisationen zu tun. Wenn es gelänge, mehr Männer
- und Väter-Präsenz für Kinder zu ermöglichen, würde das einen
sehr positiven Einfluß auf die Gewaltanfälligkeit in dieser
Gesellschaft haben. Auch das weist auf den großen Problemlösungsbedarf
in der Gender-Frage hin.
Ein weiteres gesellschaftliches Problem, das
eine hohe Verknüpfung mit der Geschlechterproblematik aufweist,
ist die Frage der Arbeitslosigkeit bzw. der Verteilung von
Arbeit. Daß die Gewerkschaften sich in den letzten Jahren
mit der Verkürzung der Arbeitszeiten schwertun, hat auch geschlechterspezifische
Ursachen. Das Verhältnis von Arbeit, Geld und Zeit wird von
Frauen ganz anders bewertet als von Männern. Es sind vor allem
die Männer, die das Projekt Arbeitszeitverkürzung im Moment
nicht mehr wollen. Vielleicht können sie es auch nicht wollen.
Wenn das Thema Umverteilung von Arbeit wieder aus der bisherigen
Sackgasse herausmanövriert werden soll, dann werden wir stärker
als bisher geschlechtsspezifische Zugänge entwickeln müssen,
dann werden wir vor allem Männer für den Tausch Geld gegen
Zeit gewinnen müssen, dann werden wir gerade ihnen vermitteln
müssen, wie sehr sie dabei nicht zuletzt auch für sich selbst
gewinnen können.
Wer heute ein neues Politikfeld aufmachen oder
eigentlich nur ein altes neu beleben will, wird die Frage
nach dem gesellschaftlichen Nutzen bis hinein ins Betriebs-
oder Volkswirtschaftliche beantworten müssen. Schließlich
geht es um gesellschaftliche Ressourcen. Die angesprochenen
Punkte Scheidungshäufigkeit und Gewaltneigung sind Stichworte
hierfür. Ein weiteres ist die Ressourcenverschwendung im Umgang
mit weiblicher Qualifikation. Frauen haben längst das gleiche
Qualifikationspotential, sie haben gleichwertige Bildungsabschlüsse,
aber sie können sie im Laufe ihres (Berufs)lebens nicht entsprechend
amortisieren. Was mit hohen gesellschaftlichen Kosten investiert
worden ist, geht zum großen Teil verloren, weil Frauen weiterhin
familiär gebunden bleiben, weil sie nach der "Familienphase"
nicht oder nicht qualifikationsadäquat in das Erwerbsleben
zurückkehren. Das ist eine volkswirtschaftliche Ressourcenverschwendung,
mit der man auch in der Standortdiskussion argumentieren kann.
Wir unterscheiden uns, was unser Modell von Familien
und Kindererziehung anbelangt, sehr von vielen anderen Industrieländern,
die diese dreijährige Familienpause und das dreijährige Ausscheiden
von Frauen aus der Erwerbsarbeit so nicht kennen. Das Phasenmodell
"Ausbildung/Beruf - Familienpause/Beruf" ist bei
der Beurteilung der Standortqualität im Vergleich mit anderen
Ländern, in denen Familie und Erwerbsleben gleichwertiger
nebeneinandertreten, ein großes Handicap.
Würden mehr Männer Verantwortung im familiären
Bereich übernehmen, insbesondere in der kritischen "Familienphase",
käme ihnen das im Blick auf soziale und emotionale Qualifikationsanteile
zugute - vielleicht sähen dann auch manche Entscheidungen
in Unternehmen anders aus. Auch diese Chance sollte genutzt
werden.
3. Patriarchaler Sozialstaat
Die Gender-Frage bleibt von großer Bedeutung.
Sie ist ein fundamentales Strukturproblem dieser Gesellschaft.
Dass es noch längst nicht gelöst ist, hat weniger damit zu
tun, dass die Leute damit leben können, sondern es hat mehr
damit zu tun, dass die Verteilung der Rollen bei uns nicht
nur eine subjektive Entscheidung der Menschen ist, sondern
sehr stark in sozialstaatliche Regelungen eingebunden ist.
Der Mann in der Rolle des Familienernährers, die Frau in der
Rolle der Mutter - diese Ordnung ist in vielen Bereichen unseres
sozialstaatlichen Gefüges geradezu zementiert. Die Grundlagen
sind meistens in den fünfziger Jahren gelegt worden. Wenn
man an diesen Geschlechterrollen-Verhältnissen etwas ändern
will, stößt man auf massiven Widerstand eines Systems, das
Förderung und Benachteiligung sehr stark davon abhängig macht,
ob man sich auch den tradierten geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen
entsprechend verhält. Man könnte es als patriarchalen Sozialstaat
bezeichnen. Wie er funktioniert, sieht man z.B. an der Ehegattenbesteuerung:
Subventioniert wird die Alleinverdienerehe; der Splittingvorteil
ist um so größer, je größer der Einkommensabstand der Ehegatten
ist. D.h., den größten ökonomischen Vorteil hat ein Paar,
wenn einer voll arbeitet und der/die andere - meistens eben
die - zu Hause bleibt. Steuern sind zum Steuern da, sagt der
Volksmund, und hier steuern sie alle in die Schubladen der
alten Rollenaufteilung hinein, und wer sich widersetzt, wird
ökonomisch bestraft.
Es geht um ein komplexes Abhängigkeitssystem
verschiedener Bereiche, an denen gleichzeitig Veränderungen
ansetzen müssen.
4. Grenzen bisheriger Gleichstellungspolitik
Geschlechterrollen-Politik ist bisher Frauenpolitik
nicht nur in dem Sinne, dass sie von und für Frauen ist, sondern
auch in dem Sinne, dass sie sich fast nur mit Frauen beschäftigt.
Die Ministerien heißen Frauenministerien, die Gleichstellungsgesetze
heißen meistens oder verstehen sich als Frauenfördermaßnahmen.
Das entsprechende Kapitel im Koalitionsvertrag der neuen deutschen
Bundesregierung heißt "Frau und Beruf". Warum bringt
diese Politik, die mit so hohem Aufwand betrieben wird, im
Moment wenig Erfolge?
Frauenpolitik zu kritisieren heißt keineswegs,
ihr Erfolge und ihre Notwendigkeit in Frage zu stellen. Es
soll nur heißen, dass eine Einschränkung und Prioritätensetzung
auf die herkömmlichen Themenkataloge sich für die Weiterentwicklung
des Geschlechterverhältnisses im Sinne von Emanzipation und
Gleichberechtigung zunehmend als Sackgasse erweisen.
Es kann nicht daran liegen, dass Frauen nicht
qualifiziert genug wären. Die Brückenköpfe, von denen aus
sie ins Arbeitsleben starten können, sind sehr gut ausgebaut,
daran kann es nicht mehr liegen. Das hat die Frauenbewegung
geschafft. Es liegt auch immer weniger daran, dass es typische
Männerberufe gibt wie etwa Stahlkocher oder Bergmann. Berufe,
die als Frauenberufe sich vorzustellen einem schwerfällt,
sind im Aussterben begriffen. Vielmehr gibt es sehr viele
Anstrengungen, Frauen in traditionellen und noch existierenden
Männerberufen zu fördern oder ihnen beim Wiedereinstieg zu
helfen. Auch der alte Forderungspunkt der Frauenbewegung "gleicher
Lohn für gleiche Arbeit" ist im wesentlichen erreicht.
Wenn Frauen trotzdem im Durchschnitt weniger verdienen, dann
nicht, weil sie für gleiche Arbeit pro Stunde weniger bekommen,
sondern weil sie eben in schlechter bezahlten Berufen arbeiten
oder weil die typischen Frauenberufe schlechter bezahlt werden,
weil Frauen immer noch nicht zu den attraktiveren Berufen
vordringen oder weil sie familienbedingt kürzere Erwerbszeiten
aufweisen. In einer zunehmenden Zahl von Bereichen gibt es
Quotenregelungen, um das auszugleichen.
Dann gibt es noch einen sozusagen letzten Rettungsanker
der traditionellen Frauenförderpolitik: die Männerseilschaften,
die verhindern, dass die Frauen einen stärkeren Anteil an
Erwerbsarbeit haben. Das unterstellt das Bild von den Männern,
die sich verschwören, um Frauen möglichst Knüppel zwischen
die Beine zu werfen und Stolpersteine, damit sie ihre beruflichen
Schritte nicht tun können. Nach dem Motto: "Vorsicht,
da kommt eine Frau, die lassen wir nicht durch!" Nicht
auszuschließen ist, dass es bei manchen Männern auch dieses
Denken weiterhin gibt: "Es darf auf keinen Fall eine
Frau werden", "es darf mir auf keinen Fall eine
Frau vor die Nase gesetzt werden", aber auch da kann
ich mir nicht mehr vorstellen, dass das wirklich die entscheidende
Barriere ist, die ein Eintreten von Frauen in Männerpositionen
verhindert.
5. Die weibliche Erwerbsbiographie
Der Grund für die Schwierigkeiten der Frauen
liegt woanders. Vergleicht man die männliche und die weibliche
durchschnittliche Erwerbsbiographie, so verläuft sie bis zum
Ende der Ausbildung bei Männern und Frauen parallel. Danach
aber kommt der Berufseinstieg, und bei den Männern geht es
kontinuierlich bergauf bis zur Rente. Ganz grob und durchschnittlich
gesehen, alle Friktionen in einer Erwerbsbiographie wie Arbeitslosigkeit,
Berufswechsel, zurückgestellt, ist das nach wie vor das Muster
des männlichen Erwerbsverlaufs.
Für viele Frauen jedoch beginnt die Phase der
Familiengründung. Sie verdienen weniger als die Männer oder
gar nichts. Frauen betreuen Kinder. Wenn sie nur ein Kind
haben, in der Regel drei Jahre lang, mit zwei Kindern dehnt
sich diese Phase bis zu fünf Jahren oder länger aus. Ob eine
Frau nach der Familienphase versucht, ins Erwerbsleben zurückzukehren,
oder nicht - viele Frauen versuchen, können oder wollen es
auch gar nicht -, die Verantwortung für das Familiäre bleibt
bei ihr. Sie ist ihr fest zugeordnet, und weil Frauen dann
beides, Beruf und Familie vereinbaren müssen, können sie nur
eingeschränkt zurückkehren, z.B. in Teilzeitjobs. Das geht
bis ins Schulalter der Kinder hinein. Nur langsam kommen sie
wieder zurück ins Erwerbsleben. Den in der Familienphase entstandenen
Abstand bis zum Rentenalter holen sie meistens nicht mehr
auf. Das führt dann zu geringeren Renten als bei den Männern.
Die Veränderungen müssen also nach der Ausbildungsphase
ansetzen. Dies hat ganz entscheidend damit zu tun, dass an
dieser biographischen Stelle die Frauen einen zweiten Lebensbereich
dazubekommen und zu Kompromissen gezwungen sind.
Welchen Ansatzpunkt gibt es, um den Frauen
aus diesem Dilemma herauszuhelfen?
6. Öffentliche Kinderbetreuung
Dass eine Verbesserung der öffentlichen Kinderbetreuung
hilft, ist unumstritten. Doch trotz aller Bemühungen haben
wir in vielen EU-Ländern sehr defizitäre Angebote, gerade
im Bereich unter 3 Jahren und der Ganztagsbetreuung. Es ist
sicher richtig, in diesen Bereich zu investieren, diesen Bereich
auszubauen.
Dennoch wären Frauen - wenn dann auch Arbeitsstellen
für sie da wären - noch immer nicht von der weiteren familiären
Zuständigkeit entlastet. Ein Teil wäre ihnen abgenommen, aber
es gibt ja auch eine Kinderbetreuungszuständigkeit außerhalb
der Kindergartenöffnungszeiten. Man könnte es plakativ überschreiben:
Das allein führt - mit Verlaub - allenfalls zu DDR-Verhältnissen.
In der DDR war das traditionelle Rollenverhältnis zwar das
gleiche wie im Westen, aber es gab eben einen stark ausgebauten
öffentlichen Kinderbetreuungsbereich, der die Frauen tatsächlich
stark entlastet hat, aber wenig an der familiären Rollenverteilung
geändert hat. Kaum waren diese Betreuungseinrichtungen nicht
mehr vorhanden, wurde das alte Rollensetting wieder in die
Tat umgesetzt. In den Köpfen hatte es die ganze Zeit überlebt.
Den Kinderbetreuungsbereich auszubauen ist
eine wichtige Begleitforderung, aber damit allein löst sich
das Rollenproblem im familiären Bereich nicht.
7. Männer
7.1 Strukturfragen
Eine Lösung eröffnet sich, wenn die Männer
sich stärker auf den familiären Bereich beziehen, dort die
Frauen entlasten, so dass sie paritätisch beteiligt sind an
Haushalt und Kinderbetreuung, und dadurch Frauen ermöglichen,
die bisher von den Männern eingenommenen Plätze im Erwerbsleben
mit zu übernehmen, so dass in beiden Lebensbereichen paritätische
Verhältnisse möglich werden.
Die Hauptaufgabe der Geschlechterollenpolitik
liegt heute im Bereich Familie, während sie bisher auf den
Bereich Erwerbsleben fokussiert war. Im Grunde ging es in
der bisherigen Geschlechterpolitik um das Themenfeld Frauen
im Erwerbsleben. Andere Themen wurden zwar in Programmen thematisiert,
waren theoretisch auch immer fester Bestandteil feministischer
Gedankenwelt, aber es waren nicht die entscheidenden Handlungsfelder.
Der Paradigmenwechsel würde hier zunächst darin bestehen,
den Blick auf den Bereich Geschlechterverhältnisse im familiären
Bereich zu richten und dort die Defizite anzugehen. Und die
bestehen darin, dass Frauen hier ihren Lebensmittelpunkt weiterhin
haben und Männer mehr oder weniger abwesend sind. Was kann
man also tun, um Männer stärker für diesen Bereich zu gewinnen?
Dazu müssen einerseits gesetzliche und andere
regulierende Rahmenbedingungen überprüft werden, andererseits
geht es um die Einstellung von Männern. Es wird nur gelingen,
wenn man beides verändert. Wenn man nur gesetzliche Rahmenbedingungen
verbessert, dann haben die Väter dennoch möglicherweise weiterhin
keine Lust, weil sie lieber 50 Stunden in der Woche arbeiten
gehen. Und genauso umgekehrt. Wenn man den Vätern in Seminaren,
in Bildungsarbeit und Kampagnen von der Schönheit des Zuhausebleibens
berichtet, bei ihnen das Interesse weckt, funktioniert es
nachher trotzdem nicht, weil die schöne Utopie an den alten,
widrigen Rahmenbedingungen scheitert. Häufig sind es einfache
wirtschaftliche Entscheidungen, nach denen entschieden wird,
wer Erziehungsurlaub macht und wer nicht. Hat eine Familie
die 20.000 DM übrig, die es mehr kostet, wenn das Einkommen
des Mannes ausfällt statt das der Frau?
Ein weiterer Punkt wäre: Vaterschaftsurlaub
für Männer. Das gibt es eingebaut in Elternurlaubsregelungen
in skandinavischen Ländern. Ich finde das deshalb so wichtig,
weil gerade die Phase der Familiengründung, des Hinzukommens
von Kindern, eine Schlüsselphase im Bewusstsein von Männern
ist. Wenn es in dieser Phase nicht gelingt, dass Männer sich
darüber klar werden, dass jetzt ein neues Kapitel in ihrem
Leben auf- geschlagen wird, dann wird es wahrscheinlich später
schwer werden, dann werden sie als Opas wehmütig darauf zurückblicken,
was sie verpasst haben.
In dieser Phase müssen sie sich bewusst machen:
Jetzt kann ich nicht mehr so weiter machen wie bisher, jetzt
ist ein Kind da, das braucht mich, meine Partnerin ist Mutter
des Kindes, sie braucht meine Unterstützung. Ich muss mein
Leben umkrempeln.
Damit das möglich ist, muß ein Rahmen geschaffen
werden, das könnte ein Vaterschaftsurlaub sein, komplementär
zum Mutterschutz. Es werden sicher zunächst nicht mehr als
ein paar Tage oder eine Woche sein können, wo der Vater frei
hat, sich auch darauf einstellen kann, all das zu tun, was
gewöhnlich die Mütter in dieser Phase tun. Mütter stellen
sich auf Geburt und Kinder ein, und Väter gehen arbeiten wie
bisher. Es wäre ganz wichtig, dass Väter hier auch mal innehalten,
ihr Leben so zu organisieren, dass sie künftig ihre Vaterrolle
wahrnehmen können.
Ein ähnliches Motiv müsste man verfolgen bei
der Regelung des Eltern- bzw. Erziehungsurlaubs, wie er bis
jetzt ja noch heißt. Hier sind 3 oder 4 Punkt wichtig. Wichtig
ist dabei das Erziehungsgeld: in Deutschland zur Zeit nicht
mehr als ein Taschengeld von DM 600, zu dem man so gut wie
nichts dazuverdienen darf.
Es gibt eine ganz klare Korrelation zwischen
der Höhe des Eltern- oder Erziehungsgeldes und dem Maß, in
dem Väter Erziehungsurlaub nehmen. In den skandinavischen
Ländern richtet es sich nach dem Nettolohn: 70 bis 80 Prozent,
früher waren es sogar mal 90. Dort nehmen 10mal so viele Väter
Erziehungsurlaub wie in Deutschland. Wenn man bei uns auch
eine ganz andere Kultur des Geschlechterverhältnisses berücksichtigen
muss, so hat das mangelnde Engagement der deutschen Männer
doch ganz entscheidend mit diesem einfachen wirtschaftlichen
Grund zu tun. Statistisch gesehen, verdienen die Männer mehr,
und die Familie muß eben über- legen, ob sie den Verlust des
höheren Einkommens verkraftet oder nicht.
Wenn es gelänge, ein nettolohnbezogenes Erziehungsgeld
einzuführen, dann könnte man als zweiten Schritt - aber nicht
ohne diesen ersten Schritt! - darüber nachdenken, ob eine
Väterquote sinnvoll ist. Auch das gibt es in Skandinavien.
Wenn da nicht der Mann einen Teil des Erziehungsurlaubs nimmt,
verfällt er. Alleinerziehende sind natürlich ausgenommen.
Da ist Quote einmal andersherum geregelt. Vorstellbar wäre
auch eine staatliche Subventionierung, um den Einkommensabstand
zwischen Vater und Mutter auszugleichen. Wenn also der Vater
den Erziehungsurlaub macht, wird die Einkommensdifferenz erstattet,
so dass es keinen ökonomischen Zwang mehr gibt, dass die Mutter
zu Hause bleibt.
Auch in der betrieblichen Familienförderung
bleibt die Vaterperspektive zu oft außen vor. Besonders wichtig
ist für Väter die Frage des Rückkehrrechtes nach dem Erziehungsurlaub.
Wenn Männer, die traditionell stark berufsorientiert sind,
mit diesem Thema liebäugeln, dann ist eine ihrer größten Sorgen:
Wie groß sind die Karriereeinbußen, wenn ich jetzt ein Jahr
oder noch länger aussteige? Natürlich eine Frage, die sich
für Frauen auch stellt. Frauen erleiden diesen Nachteil schon
seit einiger Zeit. Um ihn zu beseitigen und den Männern ihre
Angst zu nehmen, muss Frauen und Männern garantiert werden,
dass ihr familiäres Engagement nicht zu großen Einbrüchen
in ihrer Berufsentwicklung führt.
Im Erziehungsurlaubsgesetz ist zwar von der
Rückkehr auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz die Rede. Praktisch
haben aber gerade die mittelständischen und kleinen Unternehmen
viele Möglichkeiten gefunden, wie man - in den neuen Bundesländern
besonders deutlich - Mütter und in der Minorität auch Väter
nach dem Erziehungsurlaub ganz rauskriegen kann. Erziehungsurlauber/innen
sind meist personalwirtschaftliche Manövriermasse. Weil Erziehungsurlaub
somit riskant ist, müssen verbindlichere Schutzregeln in das
Erziehungsurlaubsgesetz eingebaut werden, um die Angst vor
dem großen Karriereknick zu minimieren. Andererseits müssen
Väter auch davon ausgehen, dass ihr befristeter "Berufswechsel"
nicht ganz spurlos an ihnen vorbeigehen wird. Wer eine Zeitlang
raus ist aus dem Betrieb, kann Aufstiegschancen dann nicht
nutzen, vielleicht werden später sogar erst mal die vorgezogen,
die nicht weg waren.
Oft haben steuerliche Regelungen strukturierenden
Einfluss auf das Geschlechterverhältnis. Das in Deutschland
praktizierte Ehegattensplitting ist z.B. ein Modell der Subventionierung
der Alleinverdienerehe. Es legt Frauen auf die Hausfrauen-
und Mutterrolle fest und Männer auf die Ernährerrolle. Die
Folgen für die Frau sind immer schon in der Frauenpolitik
kritisiert worden. Die fiskalische Rollenbestimmung des Mannes,
die schließlich auch die der Frau impliziert, muss endlich
thematisiert werden.
Frauen wie Männer brauchen, um das Vereinbarkeitsproblem
zu lösen, kürzere und flexiblere Arbeitszeiten. Für Männer
eine besonders ambivalente Sache. Einerseits sind es gerade
sie mit ihren hohen täglichen Arbeitszeiten, die Verkürzungen
bräuchten, andererseits tun sie sich wegen der damit realistischerweise
verbundenen Einkommenskürzung, die ihre Ernährerrolle mental
und faktisch ankratzt, besonders schwer. Gerade in der Familiengründungsphase
wird von Männern beides erwartet: Sie brauchen mehr Zeit für
die Familie, sie brauchen ebenso mehr Geld. Man muß Anschaffungen
machen, neue Wohnung, Möbel, Familienauto.
Der einfache Austausch eins zu eins, "Zeit
gegen Geld" kann für viele nicht die Lösung sein. Dieses
Dilemma erklärt die Defensive der Gewerkschaften in der Frage
der Arbeitszeitverkürzungen. Eine reine Arbeitszeitverkürzung
ohne Teillohnausgleich ist zur Zeit bei den Gewerkschaften
nicht mehrheitsfähig. Eine Arbeitszeitverkürzungspolitik muß
in irgendeiner Weise mit Flankierungen, mit Absicherungen,
mit Teilungsausgleich einhergehen. Der wiederum ist nur möglich,
wenn im Volumen mehr rausgeholt wird, d.h. wenn die vertikale
Verteilungsfrage (von "oben" nach "unten")
wieder stärker zum Thema wird und Arbeitszeitverkürzung nicht
nur als "das Lied vom (horizontalen) Teilen" verfolgt
wird.
7.2. Betriebliche Maßnahmen
Viele der angesprochenen Punkte müßten in der
Betriebsorganisation berücksichtigt werden. Leitsatz einer
für Männerfragen sensibilisierten Personalpolitik sollte sein:
Männer, besonders Väter, müssen auch in ihrem persönlichen
und familialen Kontext wahrgenommen werden. Die Einbeziehung
dieser zweiten Realität ist bei Frauen noch nicht gelungen,
bei Männern ist sie noch nicht einmal Thema.
Die intakte Familie ist in der betrieblichen
Personalpolitik schon immer als günstiger Hintergrund für
die männliche Leistungsfähigkeit gesehen worden: Frau und
Familie als Auffangbecken oder Erste-Hilfe-Station bei psychischen
und emotionalen Belastungen oder Verletzungen. Schon weniger
betriebliche Beachtung findet es, wenn dieser familiale Hintergrund
in die Krise gerät oder zusammenbricht. Obwohl die Gründe
oft mit der Arbeitswelt zu tun haben und obwohl die Folgen
solcher Krisen die Arbeitsfähigkeit der Betroffenen stark
beeinträchtigen können, läßt die Reaktion auf solche Entwicklungen
sehr zu wünschen übrig.
Die Wahrnehmung von Männern in ihrem familialen
Kontext könnte Krisen vorbeugen und den oft eintretenden Dominoeffekt
solcher Krisen in die Arbeitssituation hinein verhindern.
Daß Männer dieses kompensatorische familiale Hinterland nicht
mehr den Frauen allein überlassen, sollte eine zeitgemäße
Personalpolitik nicht nur akzeptieren, sondern fördern.
Als ein gutes Beispiel für betriebliche Handlungsmöglichkeiten
könnte ich mir die Verwirklichung eines Vaterschaftsurlaubs
von z.B. fünf Arbeitstagen analog zum Mutterschutz, geregelt
in einer Betriebsvereinbarung, vorstellen. Dem (werdenden)
Vater würde vom Betrieb signalisiert, daß seine neue Verantwortung
als Vater anerkannt und berücksichtigt wird. Für den Vater
selbst würde sich eine solche Entlastung als Ermutigung auswirken,
seine Rolle nun neu zu bestimmen.
Wie bei jedem sozialpolitischen Engagement
eines Betriebes, muß auch hier die Frage nach dem betriebswirtschaftlichen
Nutzen gestellt werden. Obwohl nicht immer monetarisierbar,
ergeben sich deutliche mittelbare und unmittelbare Vorteile.
Wenn dem Vater ermöglicht wird, eine Balance zwischen betrieblichen
und familialen Anforderungen zu bewerkstelligen, profitiert
auch das Unternehmen davon.
Auch wenn dies zu einer zeitlich eingeschränkteren
Verfügbarkeit des Mitarbeiters führt, bedeutet das nicht zwangsläufig
Leistungsminderung. Wahrscheinlich ist ein in Vollzeit und
mehr arbeitender Mann, der sich seiner familiären Verantwortung
nicht stellt, sogar in vieler Hinsicht krisenanfälliger.
Der Betrieb profitiert auch von den weichen
Qualifikationsanforderungen, die ein familienorientierter
Mann eher erfüllt. Das Leben mit Kindern, die Übernahme von
Verantwortung im Sozialsystem Familie qualifiziert für viele
Anforderungen, die sich auch im Berufsalltag, besonders dem
von Führungskräften, stellen: Teamfähigkeit, Zuhörenkönnen,
Verhandlungskompetenz, Kompromißfähigkeit, auch konstruktive
Durchsetzungsfähigkeit.
Der grundsätzliche Vorteil liegt jedoch in
der Verantwortungsbereitschaft. Der emotional und alltäglich
präsente Vater ist für die Entwicklung seiner Kinder unverzichtbar.
Wer sich dieser Verantwortung stellt, besonders wenn er es
entgegen dem Mainstream tut, wird dieselbe Verantwortungsbereitschaft
auch für betriebliche Ziele, mit denen er sich identifizieren
kann, einbringen.
Einen mittelbaren Vorteil hat der Betrieb,
wenn die entlastete Partnerin im gleichen Unternehmen arbeitet.
Sie kann ihr Potential stärker einbringen, ihre Qualifikationen
bleiben dem Betrieb erhalten. Natürlich kennt jede mit Kosten
verbundene betriebliche Sozialpolitik die Grenzen, die in
der Wettbewerbssituation liegen. Stellt sich heraus, daß wichtige
sozialpolitische Anliegen nur um den Preis von Wettbewerbsverzerrungen
zu realisieren sind, müssen übergeordnete, für alle Wettbewerber
gleiche Bedingungen geschaffen werden (Tarifvertrag, Gesetz,
EU-Regelungen).
7.3. Einstellungsveränderungen
Wenn all diese Barrieren abgebaut wären, würden
die Männer dann kommen? Ich denke, auch hier bedarf es noch
weiterer Ansatzpunkte, um aus den Möglichkeiten auch den Erfolg
zu machen. Die Männer müssen die Angebote, die es dann gäbe,
auch wollen. Das ist eine Frage ihres Selbstverständnisses.
Das männliche Selbstwertgefühl basiert immer
noch hauptsächlich auf Überlegungen wie: "Wie erfolgreich
bin ich im Beruf? Wieviel Geld bringe ich nach Hause? Was
für Statussymbole kann ich für das Geld kaufen, um zu zeigen,
wie erfolgreich ich im Berufsleben bin?" Natürlich ist
es legitim, im Beruf eine Selbstverwirklichung zu erreichen
und auch das Interesse, beruflich erfolgreich zu sein, sich
zu verwirklichen, gestalten zu können. Das ist keine Frage.
Die Gefahr ist nur, daß es sich verselbstständigt, daß die
Orientierung eindimensional bleibt und der Beruf einzige Quelle
von Selbstwertgefühl und Identität.
Es ginge darum, die Männer für diesen Tausch
(Geldwohlstand gegen Zeitwohlstand) zu gewinnen. Mit ihnen
darüber ins Gespräch zu kommen, daß es auch andere zentrale
Dimensionen im Leben geben kann, daß auch das emotional nahe
und alltägliche Leben mit Kindern Selbstwertgefühl vermitteln
kann.
Der heikle Punkt, daß eine solche Umorientierung
mit Einkommenseinbußen verbunden ist, an Zumutbarkeitsgrenzen
stoßen kann, die nicht einmal unmittelbar in der eigenen Person,
sondern oft in Verpflichtungen Dritten, auch Kindern gegenüber
liegen können, dieser heikle Punkt relativiert sich bis zu
einem gewissen Grad, er ist ein Stück verschiebbar. Wenn man
mehr Zeit zur Verfügung hat, hat man auch sehr viele Möglichkeiten,
alltägliche Dinge anders zu gestalten und damit auch Geld
zu sparen. Also ganz profan: Wenn man fünfzig Stunden die
Woche arbeitet, kommt man nicht mehr dazu, ein kaputtes Abflußrohr
zu reparieren. Wenn man 30 Stunden arbeitet, schon. Dann muß
man auch keinen Handwerker bezahlen. Man hat mehr Zeit, billigere
Einkäufe zu machen... Also der Verlust an Geld ist nicht 1:1,
sondern er kann auch kompensiert werden durch die größeren
Gestaltungsmöglichkeiten, die man aufgrund größerer zeitlicher
Spielräume hat. Ein Stück kommt einem auch der Fiskus entgegen.
Der Nettolohnverlust ist je nach Einkommenslage um einiges
geringer als der Bruttolohnverlust bei Arbeitszeit- bzw. Einkommensreduzierung,
weil man einen oder mehrere Schritte aus der Progression herauskommt.
Einstellungsänderungen in einer medial geprägten
Gesellschaft brauchen entsprechende Flankierung durch öffentliche
Debatten und Kampagnen. Da gibt es sehr gute Beispiele in
skandinavischen Ländern oder in Holland, wo man mit einem
riesigen Aufwand und auch mit großem Erfolg die Männer erreicht
hat, und zwar ohne moralischen Druck. Statt den loyalen Partner
oder den guten Vater einzuklagen, wurde den Männern schmackhaft
gemacht, was sie noch bzw. auch erreichen könnten. Neue Ziele
wurden als erstrebenswert präsentiert. Das motiviert mehr
als der erhobene Zeigefinger und sollte auch in der gewerkschaftlichen
Bildungsarbeit bedacht werden. Bei der ÖTV sind ganz vorsichtige
erste Schritte zu gewerkschaftlichen Männerseminaren erkennbar,
wo Männer offen auf die Vorbehalte, die tatsächlichen Barrieren,
die es da ja gibt, zu sprechen zu kommen.
8. Träger einer neuen Geschlechterpolitik
Zum Schluß, nachdem angesprochen wurde, was
im einzelnen Punkte wären, an denen man ansetzen könnte, ergibt
sich die ganz entscheidende Frage: Wer soll das denn machen?
Wer trägt denn solche Änderungsprozesse?
Eine alte gedankliche Tradition der Frauenbewegung
war immer: Änderungen lassen sich nur gegen die Männer durchsetzen.
Das war sicher über lange Strecken auch richtig und wird in
bestimmten Bereichen auch auf absehbare Zeit richtig bleiben.
Es gibt natürlich den männlichen Konservatismus, gegen den
frau nur mit einer sehr offensiven und auch konflikt- bereiten
Strategie ankommen kann.
Eine andere Strategie war: Nicht gegen die
Männer, aber ohne die Männer, von denen ist ohnehin nicht
viel zu erwarten. Und die dritte Variante schließlich: Wir
machen es für die Männer. Das heißt, wir haben verstanden,
daß die Frauenfrage die Männerfrage ist. Die tun nichts. Also
müssen wir jetzt was für die Männer tun: "Laßt uns mal
über eure oder deine Probleme reden", ich fürchte das
ist keine gute Ausgangsposition, um etwas zu verändern.
Deswegen müssen wir, was den Emanzipationsprozeß
von Männern betrifft, von einem anderen Modell ausgehen. Das
bisherige Modell aller klassischen und einschlägigen Emanzipationsbewegungen:
Es gibt einen Benachteiligungstatbestand, es gibt eine große
gesellschaftliche Diskriminierung, die Diskriminierten versammeln
sich unter einer Fahne, werden zu großen Menschenmassen und
verändern die Welt und die Gesellschaft - dieses Emanzipationsmodell
wird in der Männerfrage nicht funktionieren! Dazu sind die
Ablenkungs- und Ausweichmöglichkeiten, auch die subtilen Techniken
des Selbstbetrugs, auf die Männer, wenn sie unter Druck geraten,
zurückgreifen können, einfach zu groß. Die Botschaft an die
Männer: Schaut her, wir haben das erreicht, wir haben eine
Frauenbewegung, wir haben Institutionen erobert, macht ihr
das doch auch mal, und dann sehen wir weiter. Diese Erwartung
wird enttäuscht bleiben. Deswegen muß man sich Gedanken über
ein anderes Emanzipationsmodell machen.
Es muß eine Konstellation verwirklicht werden,
die davon ausgeht, daß auch auf der Männerseite - wenn auch
als Minderheit - ein Emanzipationsinteresse besteht. Es gibt
inzwischen Anknüpfungspunkte auch auf der Männerseite, über
gemeinsame Ziele reden zu können, auch auf Frauenseite gibt
es einen großen Konservatismus. Viele Frauen und Mütter wollen
sich gar nicht von dem traditionellen Müttermodell lösen.
Die Mehrheitsverhältnisse sind bei Frauen und Männer freilich
entgegengesetzt.
Statt der Strategie der politischen Trennlinie
nach Geschlecht käme es in Zukunft darauf an, ein Emanzipationsbündnis
zwischen den Männern und Frauen zu schließen, die an einer
Veränderung und Weiterentwicklung des Geschlechterverhältnisses
interessiert sind. Ein Bündnis für Geschlechterdemokratie,
das sich kritisch auseinandersetzt mit den konservativen Strömungen,
die es auf beiden Seiten gibt. In einem solchen geschlechterübergreifenden
Bündnis für Geschlechterdemokratie sehe ich eine Antwort auf
die Sackgasse, in der die Beziehung der Geschlechter zur Zeit
steckt.
Neben dieser Neubestimmung der Konstellation,
in der Gender-Politik betrieben werden müßte, ist auch ein
anderer inhaltlicher Zugang zur Geschlechterproblematik vonnöten.
Ohne den klassischen frauen- politischen Ansatzpunkt aufzugeben,
plädiere ich dafür, den Schwerpunkt zu verlagern: vom Thema
Frau und Beruf auf die Rollenverteilung im Familienbereich
und damit auf die Männerfrage. Damit wird nicht nur für Männer
viel Neues möglich, es ist auch der effektivere Weg zu Fortschritten
beim Thema Frau und Beruf.
Dr. rer. soc. Werner Sauerborn
Herausgeber von PAPS – Zeitschrift für Väter
Referent ÖTV-Hauptverwaltung, Themenschwerpunkt
Arbeitszeitpolitik
Der Beitrag wurde entnommen aus: balancing
consult (Hrsg.): H. Schwamm: Väterförderung? Vereinbarkeit
von Beruf und Familie für Männer und Frauen im Betrieb - Internationale
Arbeitstagung zum EU-Projekt Managing E-Quality am 29.4.1999
in Frankfurt am Main. Tagungsdokumentation Frankfurt 1999
S.11-25
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