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Väter und Pränataldiagnostik

In der Vorbereitung dieses Artikels - ich wußte nicht genau, worauf ich mich da eingelassen hatte - befaßte ich mich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema. Wie sehen die Väter in meinen Gruppen die Frage? Welche Erfahrungen haben Beratungsstellen mit Vätern in der Pränataldiagnostik? Welche Literatur gibt es und gibt es Untersuchungen dazu? Welche ethischen Fragen werden berührt? Welche Informationsmöglichkeiten habe ich? Und nicht zuletzt: Geht mich als Mann das Thema überhaupt was an - und wenn, was? - Vielleicht schnippte da ein Schnipsel aus dem Unterbewußtsein zu mir herauf in der Umkehrung dieser Frage: Was geht das mich an?

Ich hatte Gelegenheit, in Bremen den Film "Mörderische Diagnose" zu sehen. Die Situation von Hebammen und das Leid betroffener Frauen/Paare wurde mir deutlicher als zuvor. Ja, das Thema geht mich etwas an, geht Väter etwas an, geht Männer etwas an. Dies ist nur ein Resümee für mich. Ein weiteres ist ein Gefühl, das mich beschlich -Ich fühlte mich schuldig- als Mann. Das Gefühl von Schuld persönlich und gesellschaftlich. Und bei der weiteren Beschäftigung mit dem Thema spürte ich vor allem Hilflosigkeit. Ich war versucht, dieses Gefühl zu verdrängen, eine weitere Beschäftigung mit dem Thema zu vermeiden, es den Frauen - hier und heute den Hebammen zu überlassen. Ich entschied mich dafür, mich trotz Unbehagen und Hilflosigkeit auf das Thema, die Fragen einzulassen. Und ich stellte überraschend fest, daß ich die Hilflosigkeit überwand. In vielen Gesprächen mit Beratungsstellen für Pränataldiagnostik stellte ich fest, daß, mit dem Thema Pränataldiagnostik konfrontiert, die meisten Männer, wie es scheint eben dasselbe fühlen, was ich gespürt hatte: Hilflosigkeit, Angst, und resultierend bei vielen Männern: schweigen, verdrängen, das Thema den Frauen, der Partnerin überlassen. Eine andere Möglichkeit sich zu verhalten ist für einige Männer und werdende Väter, sich den Fragen offen zu stellen, zu versuchen die Partnerin zu verstehen und zu unter- stützen.

Ich arbeite in Bremen mit Vätern und werdenden Vätern. Ich habe auch mit ihnen die Frage der Pränataldiagnostik thematisiert. Sie reagierten erst einmal mit schweigen. Erste Äußerungen spiegelten ihre Hilflosigkeit "ja, da kann ich nicht viel zu sagen" oder "was sollte ich denn da machen? Hauptsache ist doch, daß alles o.k. ist, oder?" Ein dritter fragte, warum ich das Thema überhaupt anspräche! Damit war ich irgendwie in eine Verteidigungsposition geraten. Ich kann mir vorstellen, daß Frauen, die mit ihren Partnern über ihre Gefühls- und Konfliktlage in Bezug auf Vorsorge, Pränataldiagnostik sprechen wollen, manchmal, wenn der Mann ebenfalls mit Abwehr reagiert, dann ihrerseits in einer solchen Verteidigungsposition fühlen. Sie spüren vielleicht, dass der Partner nicht darüber reden will. Sie spüren, daß er Pränataldiagnostik und vielleicht die Schwangerschaft überhaupt als Sache der Frau ansieht.

In der Vatergruppe habe ich zurückgefragt und allmählich kam ein Gespräch auf. Ich wollte wissen, ob die Väter von sich aus an Pränataldiagnostik gedacht haben. Ich wollte wissen, ob sie sich verdeutlicht haben, was ein positiver Befund beim Ultraschall oder nach einer Fruchtwasseruntersuchung bedeuten kann, für das Kind, die Partnerin, die Paarbeziehung, die gemeinsame Zukunft. Und ich habe gefragt, ob sie sich überhaupt mit der Möglichkeit einer Behinderung beim Kind beschäftigt haben.

Viele Männer überlassen die Schwangerschaft und die Vorsorge der Frau. Auch heute noch sehen sich viele Männer in der Familie und in der gemeinsamen Elternschaft als Versorger, Beschützer, auch wenn der gesellschaftliche Trend anderes von ihnen erwartet. Die archetypische Vorstellung des "klassischen" Vaters hat etwas von Klarheit, Eindeutigkeit. In der Beziehung und in der Elternschaft kann das bedeuten: Ich sorge für Dich und das Kind und in der Schwangerschaft; ich sorge für Dich und Du für das Kind, das in Dir wächst. "Der Mann sorgt für die Frau" bedeutet in der Schwangerschaft auch: Ich mache mir Sorgen, ich bin besorgt, ich habe auch Angst, daß alles gut geht, dass mit Dir alles o.k. ist, daß ich mit meiner Hilflosigkeit fertig werde, dass das Kind gesund ist."

Angst, daß alles gut geht?

Mit Angst gehen Menschen unterschiedlich um. Sie informieren sich, sie versuchen die Situation zu kontrollieren, sie verleugnen die Situation oder sie kommunizieren darüber.

  • Die werdenden Väter informieren sich und versuchen so, Sicherheit und Klarheit zu gewinnen. Darin liegt die Möglichkeit der Situation angstfreier begegnen zu können, weil sie besser einschätzbar ist.
  • Sie nehmen die Sache selbst in die Hand. Dahinter steckt das Gefühl "alles im Griff auf dem sinkenden Schiff", Kontrolle, Überinformiertsein. Das kann dazu führen, dass die Frau sich bevormundet, eingeengt fühlt.
  • Oder die Väter leugnen ihre Angst, versorgen weiterhin, und lassen die Frau auf diese Art allein. Diese Verhaltensweise ist gerade in einer Gesellschaft verbreitet, wo von Männern erwartet wird, dass sie keine Angst haben.
  • Eine weitere Möglichkeit der Angstbewältigung ist die Kommunikation. Darüber reden, miteinander Fragen stellen und gemeinsam Lösungen finden, Entscheidungen gemeinsam tragen. Dies ist die Möglichkeit der Hilflosigkeit des werdenden Vaters und der Ambivalenz vor allem der Frau in der Frage der Pränataldiagnostik zu begegnen. Voraussetzung ist eine Paarbeziehung, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist und in der miteinander auch die innersten Gefühle thematisiert werden können. Kommunikation ist eine Entwicklungsmöglichkeit auf dem Weg vom Paar zum Eltern werden, zur Familie.

Zu der Angst der Männer kommt seit den siebziger Jahren eine zunehmende Verunsicherung. Forderungen, dass die Väter mit bei der Geburt dabei sein sollen, dass sie sich in ihrer Geschlechterrolle neu definieren sollen und der Ruf nach dem "neuen Vater" führten dazu, dass gesellschaftlich ein Vaterbild entstand, das nach vorgegebenen Maßstäben die Männer in die Defensive drängte. Und manche versuchten sich darauf einzulassen. Diese Aufforderung, sich zu ändern allerdings enthält eine fatale Doppelbotschaft: zeige deine Gefühle, zeige deine Verletzlichkeit, sei empfindsam aber sei gleichzeitig stark, beschütze mich, kämpfe für die Familie. Wer als Mann Verletzlichkeit und Gefühl zeigt, gilt aber auch heute noch oft als "Weichei".

Mit dieser Verunsicherung einher geht die unbewusste Interpretation beides zu sein, Mann und gleichzeitig Frau, Vater und gleichzeitig Mutter. In der Schwangerschaft gibt es da allerdings natürliche Grenzen: Männer haben nicht das physische und das damit verbundene psychische Erleben der Frau. Sie erleben nicht, wie Leben in ihnen wächst. Und in diesem elementaren Vorgang, in dem die Frau eindeutig ihre Rolle als Mutter lebt und auslebt, ist die Rolle der Männer überdeutlich diffus. Eine Lösung kann sein: Rückzug.

Die Auseinandersetzung mit dieser Unsicherheit bedeutet allerdings auch für viele Männer, dass sie beginnen deutlicher zu formulieren, dass sie wieder eine klare Rolle inne haben wollen.

Und darin liegt eine Chance: Aus ihrem eigenen Selbstverständnis als Mann und Vater heraus kann das bedeuten "ich höre Dir zu, ich spreche mit Dir, ich unterstütze Dich in Deinen Entscheidungen, ich begleite Dich".

Die Rolle des Vaters ist unklar und sein Verhältnis zur Pränataldiagnostik damit auch.

Was hat das mit Pränataldiagnostik zu tun? Im gesellschaftlichen Kontext hat die werdende Mutter für viele Männer scheinbar eine klare Rolle und Position, sie wird umworben, unterstützt, alles dreht sich um sie. Die Rolle des Vaters ist unklar. Nimmt er eine tradierte Rolle ein, in dem er das "Nest" baut, für die Existenzgrundlage der Familie sorgt, so wird ihm das oft genug als Flucht angekreidet. Aber ihm hilft es, wenn er sagen darf: Ich sorge für Dich und du für das Kind.

Die Leiterin der Bremer Beratungsstelle "CARA", die Hilfe und Beratung für Schwangere und Paare in Bezug auf Pränataldiagnostik anbietet, sagte mir, dass es ihrer Erfahrung nach für viele Frauen eine große Unterstützung bedeute, wenn Männer auch zur Pränataldiagnostik eine klare Einstellung hätten. Dies gelte vor allem dann, wenn die Frauen sehr unsicher seien. Bei Frauen, die der Pränataldiagnostik ambivalent gegenüber stünden, äußerten Männer oft eine eindeutige Position zur Pränataldiagnostik, "das ist vernünftig" oder "das brauchen wir nicht". Diese Klarheit entlaste die Frauen. Allerdings sei es eher selten, dass Männer sich der Frage Pränataldiagnostik stellten. In Beratungssituationen zeigten sie sich eher hilflos und verlegen. Wenn sie Nachfragen hätten, dann auf der sachlichen Ebene.

Deutlich wurde in dem Gespräch eines: Wenn Männer in einer Beratung adäquate Informationen erhalten, stehen diese Wenigen der Pränataldiagnostik sehr kritisch gegenüber. Wenn sie erkennen, dass in der statistischen Wahrscheinlichkeit keine absolute Sicherheit liegt und dies eben auch für eine Diagnose in der Pränataldiagnostik gilt, dann folgt die Frage, welchen Sinn denn Pränataldiagnostik tatsächlich für die Frau und sie selbst macht.

Aber es gibt für werdende Väter dennoch oft "gute" Gründe, Pränataldiagnostik zu befürworten. In meinen Interviews mit einer Gruppe von Vätern und in den Aussagen der Beratungsstelle CARA und der Risikosprechstunde für Pränataldiagnostik im Marienhospital in Witten wurden übereinstimmend folgende Gründe deutlich:

  • Hoffnung, über Ultraschall visuellen Kontakt zum Kind zu bekommen und damit die Existenz des Kindes tatsächlich wahrnehmen zu können.
  • Hoffnung auf ein "gesundes", d.h. nicht behindertes Kind und damit Bestätigung des geplanten weiteren Familienlebens, in dem Frau und Mutter und Mann und Vater tradierte Rollen annehmen.
  • Bestätigung des Wunsches, dass in unserer Gesellschaft Leben "machbar" sei. Die Kehrseite dieses Wunsches ist Angst, dass es nicht so ist.
  • Kontrolle der Machbarkeit, die allzu oft in einem kritiklosen medizinischen Fortschrittsglauben wurzelt.
  • Leugnen der Gefühlslage der Frauen, wenn sie unsicher zu sein scheinen. Pränataldiagnostik bietet für solche Männer die trügerische Beruhigung eines objektiven Urteils von außen. Die damit verbundene Entmündigung der Frau wird nicht gesehen.
  • Diffuse Schuldgefühle der Männer spielen eine weitere Rolle. Sie fragen sich, was sie selbst den Frauen angetan haben, wenn das Kind behindert ist. Ein negativer Befund bringt ihnen scheinbar Sicherheit, dass alles gut ist und sie können von dem Schuldgefühl lassen.

Schwangerschaft und Geburt bedeutet für ein Paar zweifellos eine - hier im neutralen Sinne gemeinte - Krise. Sie stellt einen Übergang dar, vom Liebespaar zum Elternpaar und zur Familie, oder von der kleineren Familie zur größeren. In dieser Krise sind Männer wie Frauen mit vielerlei Fragen und Überlegungen zu ihrem eigenen Leben konfrontiert. Und sie stellen sich diesen Fragen mal mehr, mal weniger.

Die Gespräche, die ich geführt habe mit Männern, mit den genannten Beratungsstellen sowie mit Hebammen aus der Bremer Region machten vor allem drei Themenkreise deutlich: Kinderwunsch, Qualitätsanspruch und die eigene Geschlechterrolle.

Kinderwunsch

Ist ein Kinderwunsch bei Vätern da, macht die anstehende Veränderung zwar weniger Angst, die Möglichkeit einer Behinderung wird oft jedoch verdrängt. Wird sie gesehen, wollen manche Väter Pränataldiagnostik. Ist kein Kinderwunsch da, macht die Veränderung viel Angst. Schuldgefühle kommen hinzu, weil wegen des mangelnden Kinderwunsches nur schwer die Verantwortung übernommen werden kann. Wird sie übernommen, folgt das Argument, dann wenigstens kein behindertes Kind haben zu wollen. Oft sind werdende Väter allerdings ambivalent. Und ihr daraus resultierendes Verhalten ist Rückzug. Sie überlassen dann oft der Frau die Schwangerschaft und alles, was damit in Verbindung steht, besinnen sich vielleicht auf die Rolle des Versorgers und stürzen sich in den Beruf.

Qualität

Bei dem Stichwort Qualität spielen unterschiedliche Aspekte eine Rolle. Einige davon habe ich bereits weiter oben angesprochen: Kontrolle und Machbarkeit von gesundem Leben. Argument ist : "Ein behindertes Kind ist doch in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr nötig".

Aber auch ganz tiefe persönliche Motive werdender Väter, Pränataldiagnostik zu befürworten, haben mit einem hohen Qualitätsanspruch zu tun. Da ist die Frage der eigenen Reproduktion. Sie bedeutet oft Hoffnung, dass das Kind, vielleicht ein Sohn, den Namen weiterträgt. Ein behindertes Kind entspricht da eher nicht diesem Wunsch.

Das gilt auch für ein weiteres inneres Motiv. Der Kinderwunsch eines Mannes kann mit einer sehr hohen Identifikation einhergehen. Manchmal bedeutet das ein Maß an Selbstliebe, das der Bestätigung nach außen bedarf. Ein Kind als Zeichen der eigenen Potenz kann eine solche Bestätigung sein. Ein behindertes Kind ist dann eine massive Bedrohung des Selbstwertgefühls des Mannes.

Wegen all dieser Motive fällt das Angebot der Pränataldiagnostik auf fruchtbaren Boden. Die erhoffte Pflanze ist die der Sicherheit. Und hier ist ein enger Zusammenhang mit dem Aspekt der Machbarkeit. "Pränataldiagnostik macht sicher ein gesundes Leben!" - so könnte ein daraus resultierender Werbeslogan für Pränataldiagnostik lauten.

Eigene Geschlechtsrolle

Die Auseinandersetzung in der werdenden Vaterschaft von Männern mit ihrer eigenen Geschlechterrolle hat viele unterschiedliche Facetten. Da steht die Frage nach der Klärung des Verhältnisses zum eigenen Vater ganz oben an. Dem Mann ist dabei zumindest eines klar geworden, wie er auch damit umgeht: "ICH werde Vater" Und hier spielen vor allem die Fragen der Angst und der Angstbewältigung, die ich oben angesprochen habe eine zentrale Rolle. Für Einstellung und Verhalten des Vaters kommt es darauf an, wie er Angst bewältigen kann: Durch Suche nach Sicherheit? Dann wird er sich intensiv informieren und versuchen, Experte in Sachen Schwangerschaft zu werden. Durch Kommunikation und Zuwendung zu seiner Partnerin? Dann besteht die beste Chance, gemeinsam die Schwangerschaft zu leben. Und die Chance einer aktiven Auseinandersetzung mit der Möglichkeit eines behinderten Kindes und der sich daraus ergebenden Veränderungen in der gemeinsamen Lebensplanung ist wesentlich höher. Die häufigste Möglichkeit von Angstbewältigung ist allerdings die Verdrängung. Dann werden die Frauen mit der Schwangerschaft eher allein gelassen, zumindest mit der Seite der Schwangerschaft, die mit Untersuchungen, Vorsorge und Pränataldiagnostik zusammenhängt.

"Dein Bauch gehört Dir"

An dieser Stelle möchte ich kurz in diesen Zusammenhang stellen, was in den 70ger Jahren ein wichtiges Argument für die Selbstbestimmung der schwangeren Frau vor allem in der Frage der Abtreibung war und sicher heute noch ist. Es mündet in dem bekannten Ausspruch: Mein Bauch gehört mir". In der Frage der Pränataldiagnostik ist dies für Männer, die in der Angstbewältigung die Strategie der Verleugnung der Angst als Lösung innehaben ein willkommenes Argument. Sie drehen es um und sagen: "Dein Bauch gehört Dir".

In dieser Umkehrung sehe ich zweierlei Bewertungsmöglichkeiten: Erstens kann diese Einstellung dazu führen, das der Mann sich zurückzieht und die Frau mit der Schwangerschaft allein lässt. Es findet kaum Kommunikation darüber statt, die auch Ängste und Bedrohungen mit einschließt. Eine zweite Sicht ist die Achtung und Anerkennung der Frau als eigenes Selbst, die Annahme ihrer Autonomie und ihrer Selbstverantwortlichkeit. Darin liegt das Vertrauen und die Vertrautheit im Sinne einer Chance. Der Mann kann sich an der Schwangerschaft adäquat beteiligen. Liegt diese Einstellung zugrunde und ist die Angstbewältigungsstrategie die der offenen Kommunikation, dann wird die Frage nach Behinderung und Pränataldiagnostik eine gemeinsame, und der Mann wird die Frau begleiten können.

Gesellschaftliche Aspekte

Unsere Gesellschaft ist eine patriarchalische. Das gilt auch für den Bereich der Medizin. Sie ist von Männern dominiert. In der Gynäkologie sind es vor allem Männer, die die Frauen "behandeln". In den Ethikkommissionen sitzen vor allem Männer. Die Befürwortung von Pränataldiagnostik, das wird in der derzeitigen öffentlichen Diskussion in der Bundesrepublik sehr deutlich, kommt primär aus dem Lager der Mediziner und aus der Forschung, die ebenfalls männlich genannt werden kann. Männlichkeit heißt dabei: Tun = Handeln, Einfluss haben = Macht, die Dinge im Griff haben = Kontrolle. Die Pränataldiagnostik bietet auch die Möglichkeit über die Kontrolle von machbarem Leben, das Leben im Griff zu haben, es beeinflussen zu können. Damit aber liegt es nicht unbedingt im Interesse der Medizin und der Forschung, sich der öffentlichen Diskussion zur Pränataldiagnostik wirklich zu stellen. Wahrscheinlich ist das eher lästig. Lieber nicht darüber reden. Wenn dennoch eine öffentliche Diskussion stattfindet, so hat sie die werdenden Väter noch nicht erreicht. Sie lesen keine medizinischen Fachartikel und wenig Elternzeitschriften. In den letzteren findet die Diskussion zur Pränataldiagnostik denn auch kaum statt. Damit aber bleibt das Thema Pränataldiagnostik ein Tabu. Und dies dient auch Interessen aus Forschung und Wirtschaft, wenn es um die Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen oder gar um "Material" abgetriebener Föten geht.

Pränataldiagnostik und Behinderung

Für die Frau und den Mann dagegen geht es in erster Linie um den Wunsch nach einem gesunden Kind. Dabei machen sich beide oft nicht wirklich klar, was Pränataldiagnostik in der Konsequenz eines Befundes bedeuten kann. Und hier liegt mein besonderer Appell an Frauenärzte, an Hebammen, an Beratungsstellen und an die Ministerien, die sich Familie und Gesundheit als Aufgabe gesetzt haben. Information zur Pränataldiagnostik tut Not. Das Wichtigste ist mir, dass werdenden Vätern und Schwangeren deutlich gemacht wird, dass sie sich immer mit der Möglichkeit einer Behinderung ihres Kindes auseinandersetzen müssen. Pränataldiagnostik dient nicht der Sicherheit gesunden Lebens, sondern es ist lediglich der Versuch herauszufinden, ob das werdende Leben behindert ist. Information bedeutet dann, dass die werdenden Eltern sich über die Konsequenzen klar werden müssen. Und diese sind möglicherweise, dass das Kind abgetrieben oder gar im Bauch der Mutter abgetötet werden soll - mit all dem Leid und der Verzweiflung für die betroffenen Frauen - und auch für die Männer.

Versteckt sich dahinter auch eine gesellschaftliche Bewertung von Leben und damit eine Kategorisierung: Gesundes Leben gut, Behinderung schlecht? Diese Frage wird interessanterweise primär von Verbänden in die Diskussion eingebracht, die Behinderte in unserer Gesellschaft vertreten.

Die Frage nach den Konsequenzen eines positiven Befundes, haben sich wenige Väter aus meinen Gruppen gestellt. So können sie die Möglichkeit, dass etwas nicht "ok" sein könnte, verleugnen. Sie verdrängen dabei oft die eigene ambivalente Gefühlslage:

  • Stolz versus Behinderung
  • Qualitätsanspruch versus Vertrauen,
  • Reproduktion des eigenen Selbst versus Identität.

Die Angst vor einer Behinderung ist allerdings bei werdenden Vätern nicht immer so präsent, wenn Väter für Pränataldiagnostik eingestellt sind. Viele verbinden mit Pränataldiagnostik Ultraschall. Sie ist in den Augen werdender Väter eher nicht belastet. Sie sehen sie als eine Möglichkeit, von sich aus eine Beziehung zu dem heranwachsenden Kind, Tochter oder Sohn aufzubauen - es ist sichtbar, fast greifbar. Es ist ja auch die Zeit in der Väter Kindsbewegungen auf dem Bauch der Frau ertasten können.

Weitergehende Untersuchungen sind den Vätern eher fremd. Spätestens jetzt greift die Forderung nach adäquater Information und behutsamer, sachkundiger Beratung für die Paare. Und die größte Hürde scheint es zu sein, den Rückzug-Strategien mancher Väter zu begegnen.

Ein Beispiel für eine positive Auseinandersetzung mit diesen Fragen habe ich einem Artikel der bundesdeutschen Vaterzeitschrift "Paps" in der Ausgabe vom Herbst 1999 gefunden. Darin kommt ein Vater zu Wort, der sich positiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Sein Sohn, der inzwischen 17 ist, hat Trisomie 21. Anschaulich und glaubhaft stellt der Vater dar, wie wichtig ihm sein Sohn ist, was er mit ihm gemeinsam erlebt und wie sehr er ihm ans Herz gewachsen ist.

Wenn ich sage, Information über Beratungsstellen ist notwendig, so ist mir klar, dass nur wenige Väter diese Beratung in Anspruch nehmen. Somit gilt mein Appell auch den Ministerien, die Diskussion weiter in die Öffentlichkeit zu tragen. Und dazu gibt es vielfältige Möglichkeiten. Von Diskussionen in den Medien über Broschüren bis hin zu Plakatwerbung.

Was können Hebammen tun?

Der Appell zur Information gilt aber auch den Ärzten und Hebammen. Letztere sind oft vertraute Ansprechpartnerin der Schwangeren. Dabei haben sie es immer auch indirekt und manchmal direkt - z.B. in Partnerkursen - mit den werdenden Vätern zu tun. Hebammen sind keine Psychotherapeutinnen. Aber sie können die Frauen ermutigen mit den Partnern zu reden und die Partner ermutigen die Frauen zu verstehen und zu unterstützen.

Die Frage der Pränataldiagnostik oder die Möglichkeit sich auch positiv mit der Möglichkeit eines behinderten Kindes auseinander zu setzen wird dabei meisten ausgeklammert. Hebammen können

  • diese Frage thematisieren und differenzieren,
  • die Frauen und Paare zum miteinander reden ermutigen
  • Möglichkeiten zur Information und Beratung aufzeigen
  • Sie können den Mann zu diesen Fragen versuchen miteinzubeziehen
  • Erwartungen der Machbarkeit von gesundem Leben relativieren
  • und das statistische Zahlenspiel der Pränataldiagnostik realistisch zurechtrücken.

Und was können werdende Väter tun?

Sie sollten sich mit der Möglichkeit eines behinderten Kindes derart auseinandersetzen, dass die Bewertung "gutes versus schlechtes Leben" wegfällt. Sie können versuchen:

  • sich auf die Frauen einlassen und mit ihnen auch über ihre Ängste und Befürchtungen reden
  • sich für die Gefühlslage der Frau interessieren
  • deutlich machen, dass sie Verantwortung gemeinsam tragen wollen
  • verstehen, dass Entscheidungen auch auf der Gefühlsebene gefällt werden
  • und eigene Schuld- und Angstgefühle reflektieren.

In meinen Ausführungen habe ich versucht, den Aspekt des Verhältnisses von Vätern und Pränataldiagnostik in der öffentlichen Diskussion über Pränataldiagnostik hineinzutragen. Mir ist dabei wichtig, dass ich hier nicht generell gegen Pränataldiagnostik spreche. Es gibt Situationen, da macht Pränataldiagnostik Sinn. Auch gilt es zu differenzieren ob es sich um Ultraschall oder weitergehende Diagnostik handelt. Insgesamt stehe ich diesem Teil der Medizin und Forschung kritisch gegenüber.

Hartmut Brockmann ist Diplompsychologe und arbeitet zusammen mit Kristin Adamaszek, Hebamme und Diplompsychologin in der Praxis "dreiklang" in Bremen.

 

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