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Wenn Väter und Kinder mit- und voneinander lernen

Seit einigen Jahren schon hat sich das Familien-Center CPF dem Thema der aktiven Vaterschaft angenommen. In jeder Altersstufe des Kindes steht der Vater vor der Herausforderung, neue Wege zu finden, um mit den Heranwachsenden in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Trotz verändertem Bewusstsein in Bezug auf die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung der Kinder, trotz vermehrter Bemühungen innerhalb der Kernfamilie und im sozialen Umfeld, der Rolle des Vaters mehr Raum zu verschaffen, zeigt die Praxis, dass es nach wie vor schwer ist, als Vater aus der Nebenrolle des Miterziehers zum aktiven Mitgestalter einer partnerschaftlichen Familienkultur zu werden.

Zusammen mit zahlreichen engagierten Vätern hat das Familien-Center CPF verschiedene Wege ausprobiert, um die Beziehung Vater und Kind zu beleben: So z.B. an mehrtägigen Erlebniswochen in einer Hütte inmitten der Natur oder auf einer Ritterburg, oder an naturpädagogischen Ausflügen in die Lebensumwelt Natur. Dabei stand jeweils das gemeinsame Erleben, das Voneinander-Lernen, der Austausch, das Einander-Neu-Entdecken im Vordergrund.

Es scheint so zu sein, dass ein wichtiges Element zur Reifung der Vater-Kind-Beziehung die Abwesenheit der Mutter ist. Besonders für Jungen im vorpubertären Alter (zwischen 9 und 12 Jahren) waren verlängerte Wochenenden "Nur unter Männern" eine willkommene Erfahrung. Während die "jungen Männer" die Mutter (und/oder Geschwister) nicht vermisst hatten und gerne länger unter ihresgleichen verbracht hätten, waren es vor allem die "ehemaligen Jugendlichen" die Sehnsucht nach dem weiblichen Gegenüber verspürten. Für die Väter war es interessant, den eigenen Sprössling in einer Gruppe Gleichaltriger zu erleben und dabei nebenbei noch einmal an die eigene Kindheit erinnert zu werden. Rivalität und Miteinander, Abgrenzung und Solidarität, Aufgabenverteilung und Teamwork waren einige Erfahrungen, die bei den Aktivitäten und der Gestaltung des Alltags gemacht werden konnten, wobei die Jungen von den Vätern, aber auch diese von den Jüngeren lernen konnten. Das gemeinsame Auftreten von Vater und Sohn erlangte durch gemeinsame Aufgaben, Rollenspiele und Ritterolympiaden eine zusätzliche Dimension. Die Identifikation mit dem Vater, die Nähe zum Sohn, schaffte dabei ein unauslöschliches Band zwischen beiden, das die Beziehung über die Woche hinaus für die Zukunft entscheidend mitprägen wird. Die Hoffnung des Veranstalters ist, daß dieses Band die schwierigen Stürme und Auseinandersetzungen der Jugendzeit abmildert und neben aufkommender Kritik und Unverständnis, zum Garant für Dialog und positive Streitkultur werden kann: Die Erfahrungen, z.B., den Vater in einem Nachtspiel ohne Taschenlampe im finsteren Wald aus den Händen eines Ganoven zu befreien wird hoffentlich dazu beitragen, in dunklen Zeiten von Selbstzweifeln und Unsicherheit den Weg zum Vater leichter wieder zu finden.

Die Natur in der wir leben, ist in mannigfacher Hinsicht ein Symbol für unser Leben. So wie z.B. der Wald eine Lebensgemeinschaft zwischen Pflanzen und Tieren darstellt, brauchen wir auch in der Familie die gegenseitige Unterstützung zum Wachsen, finden wir Schutz, Nahrung und Geborgenheit. Die Natur schien uns daher ein gelungener Aufhänger zu sein, um Väter mit Kindern im Alter zwischen 5 und 12 Jahren (diesmal auch Mädchen) zum gemeinsamen Erforschen und Erleben einzuladen. Archetypisch kommt ja dem Mann, dem Vater, die Aufgabe zu, das Kind in die Welt hinaus zu führen, ihm das Leben zu zeigen, es zu lehren, was die Welt im Innersten zusammenhält. Diese Erfahrung wollten wir in einer Gruppe unter der Führung eines gestaltpädagogisch geschulten Naturpädagogen ermöglichen. Bei dieser noch weiterhin angebotenen Aktivität sollen weniger gescheite Antworten und Wissen über die Natur im Mittelpunkt stehen, vielmehr wird die Natur spielerisch erforscht, mit allen Sinnen, in Identifikation und zum Miterleben. Diesmal beschränkt sich die Rolle des Vaters nicht darin, den Sprössling als Taxifahrer zu einem Naturworkshop zu bringen, um sich im Anschluss daran die wertvollen Erlebnisse lediglich erzählen zu lassen. Der Vater wird in die Aktivität mit eingebunden, zusammen wird geforscht und gespielt, gemalt und aus getauscht. Indem sie die Natur durch die Augen der Kinder betrachten, erhalten die Väter einen neuen Blickwinkel auf die Umwelt, lernen, sich wieder an Details zu erfreuen, vor kleinen Wundern der Natur zu staunen, so wie es unsere Kinder - größtenteils - doch noch vermögen. So stellte ein Vater ganz erstaunt und erfreut fest, nachdem er zusammen mit seinem 9-jährigen Sohn mit Malfarben eine junge Blüte eingefangen hatte: "Ich habe ja seit Kindheitstagen nicht mehr gemalt... und das haben wir zusammen fertiggebracht" - ein Erlebnis für beide.

Wenn Ehen zerbrechen, wird auch die Beziehung zwischen Vater und Kindern in Mitleidenschaft gezogen. Der tägliche Kontakt im Alltag geht verloren, anstelle tritt eine Beziehung in Häppchen, eine Vaterschaft übers Wochenende. Viele engagierte Väter haben große Angst, nach der Scheidung ihre positive Beziehung zum Kind zu verlieren. Sie befürchten, die Kinder könnten sie vergessen, jemand anders könnte ihre Stelle als männliche Bezugsperson einnehmen.

Auf der Suche nach einer Neugestaltung der Vaterbeziehung nach dem Auszug aus der Kernfamilie, entstand in einer Männergruppe die voran beschriebene Idee, Väter und Kinder zum gemeinsamen Naturerleben einzuladen. Viele Wochenendväter haben von diesem Angebot profitiert. Es sind dies Erfahrungen, die es Vater und Kindern ermöglichen, sich in einer gelösten Atmosphäre zu begegnen, die helfen, Ängste und Unsicherheiten im Umgang miteinander abzubauen. Die Natur unterstützt sie dabei, versöhnende Erfahrungen zu machen. Zum Beispiel während einem Spiel zum Thema: "Der Wald - eine große Familie", erfahren die Teilnehmer ganz konkret, daß in einer Lebensgemeinschaft, so wie es der Wald als auch die Familie darstellen, jeder aufeinander angewiesen ist. Auch zeigt sich, daß durch den Wegfall eines Elementes das ganze Biotop riskiert aus dem Gleichgewicht zu geraten. Der Wald ist aber auch anpassungsfähig an neue Situationen und steht als Symbol dafür, daß auch unter den Bedingungen einer zerbrochenen Ehe, Vater und Mutter ihre spezifische Bedeutung für das Wachstum und das Gedeihen der Kinder behalten, sowie auch die Kinder im Leben des nun "abwesenden Vaters" weiterhin Sinn und Erfüllung bedeuten.

Erziehung macht Spaß, nicht immer, aber doch immer wieder. Wir wollen mit unseren Angeboten Väter ermuntern, ihre Vaterschaft mit neuen Impulsen zu beleben. Erlebnispädagogik heißt das Stichwort mit dem wir als Bildungsträger ein Gegengewicht zu Erziehungsbüchern und ?ratgebern setzen wollen. Es zeigt sich immer wieder, daß ein Lernen, bei dem alle Sinneskanäle angesprochen werden und die praktische Erfahrung im Vordergrund steht, dem kognitiven Lernen aus Büchern überlegen ist. Erziehung heißt auch voneinander zu lernen - die Jüngeren vom Vater, aber auch der Ältere von seinen Kindern. Erziehung ist immer auch Beziehung: Es bedeutet, ein Angebot von Nähe, Unterstützung, Solidarität, Auseinandersetzung und Versöhnung zwischen den Generationen herzustellen.

Wenn Väter und Kinder mit- und voneinander lernen, kann aus dem "nebenberuflichen Vater" ein engagierter Vater werden. Davon profitieren beide Seiten: Die Kinder als auch die Väter - manchmal sogar die Mutter, die aufatmet, wenn sie mal wieder einen "sturmfreien Sonntag" vor sich hat.

Jean-Paul Conrad, Dipl. Psychologe

 

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