Vater werden Vater sein
Unsere Gesellschaftsstruktur befindet sich
in einem starken Wandel, auch in Bezug auf die Geschlechterrollen.
Früher waren Rollenverhalten geschlechtsspezifisch mehr oder
weniger festgelegt: Mutter ist für Heim und Kinder zuständig,
Vater ist Ernährer der Familie und verkörpert die Autorität.
Durch die Emanzipationsbewegung in den letzten Jahrzehnten
haben sich das Rollenverhalten und das Selbstbewußtsein der
Frauen verändert. Dieser Umbruch kann nicht ohne Folgen für
die Gesellschaft als Ganzes und für die Männer und Väter geschehen.
In unserer heutigen Zeit, die einerseits durch ein Streben
nach immer mehr materiellen Werten charakterisiert ist, andererseits
aber auch eine starke Strömung zu beobachten ist, die sich
vermehrt mit dem Sinn des Lebens, der Auseinandersetzung mit
menschlichen Werten und Gefühlen beschäftigt, äußert sich
bei vielen Männern und Vätern eine starke Verunsicherung über
ihre neue Rolle in diesem Gefüge. Viele sehen sich quasi gezwungen,
ihr Verhalten zu überdenken, ihre Ziele und Werte neu zu orientieren.
Immer mehr Männer wollen ihr Vatersein bewußter erleben. Aber
was bedeutet dies in der Praxis? Und kann man hierzulande
von einer "Männerbewegung" sprechen? Manche Angebote
für Männer/Väter bestehen, aber oft werden sie nicht in dem
Maße genutzt, wie Frauen dies für ihre Belange tun.
Insbesondere was die Vaterrolle anbelangt,
muß festgestellt werden, daß der Kinderwunsch häufig von der
Frau ausgeht, für die Kinderkriegen auch ein biologisches
Bedürfnis ist. Gemäß dem Spruch: "Ein richtiger Mann
muß in seinem Leben einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut,
und einen Sohn gezeugt haben" ist es für viele Männer
auch heute noch ein Zeichen ihrer Potenz, wenn sie Vater werden.
Für beide ist es, zumindest im günstigsten Fall, ein Zeichen
ihrer Liebe füreinander, ein Symbol für zukunftsorientiertes
Denken und zu diesem Zeitpunkt, jedenfalls meistens, Ausdruck
einer festen Bindung. Ist die Schwangerschaft dann eingetreten,
ist der erste Trimenon bei den Frauen geprägt durch ambivalente
Gefühle -große Freude über das Baby, das kommen soll, aber
auch Ängste vor der großen Veränderung- und häufig körperliches
Unwohlsein. Der werdende Vater wird als Erzeuger beachtet,
beglückwünscht, ihm sind aber die Vorgänge im Körper der Frau
fremd. Im zweiten Schwangerschaftsdrittel hat sich der Körper
der Frau weitgehend auf den "anderen Umstand" eingestellt,
die Frau fühlt sich meistens wohl. Nach außen wird ihre Schwangerschaft
sichtbar, dadurch rückt sie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Außerdem beginnt sie die Kindsbewegungen wahrzunehmen und
eine pränatale Bindung zum ungeborenem Kind kann sich entwickeln.
Der Mann bemerkt die körperlichen Veränderungen
seiner Partnerin und wird in seiner Weise darauf reagieren.
Ihr Körper wird mit fortschreitender Schwangerschaft immer
runder, voller und diese äußeren Zeichen weiblicher Fruchtbarkeit
und Fülle können vom Mann schön oder beängstigend oder auch
abstoßend empfunden werden. Die sexuelle Beziehung kann sich
auf unterschiedliche Art und Weise verändern; Sex kann intensiver
und schöner erlebt werden, Phantasie und Kreativität sind
gefragt, aber es können ernsthafte Störungen auftreten, die
dann unbedingt thematisiert werden müßten. Gleichzeitig macht
sich das Baby mehr und mehr bemerkbar und ist von außen auch
für den Vater gut fühlbar. Die Fähigkeiten des Ungeborenen
in den letzten Monaten der Schwangerschaft, Druck und Berührung
von außen zu spüren und darauf zu reagieren, ermöglichen es
dem werdenden Vater, pränatal zu seinem Baby Kontakt aufzunehmen.
Daneben ist er stark in seinem Berufsalltag eingebunden, ihm
steht ja kein vorgeburtlicher Urlaub zu, um sich auf sein
Kind einzustimmen. Für die Frau wird im letzten Trimenon die
Schwangerschaft körperlich beschwerlich und sie stellt vermehrt
Forderungen nach Entlastung und Unterstützung an ihren Partner.
Die Geburt rückt immer näher und die Frau hat im Mutterschaftsurlaub
die Möglichkeit, sich intensiv mit ihren Wünschen, Erwartungen,
Ängsten und Freuden auseinanderzusetzen.
Die Präsenz des Mannes bei der Geburt gilt
heute als selbstverständlich. Eine freie Entscheidung des
Mannes oder der Frau dagegen ist im Einzelfall schon fast
nicht mehr möglich, die Enttäuschung der Partnerin/des Partners
wäre wahrscheinlich enorm. Die Gebärende könnte sich von ihrem
Partner allein gelassen fühlen, wenn er sie nicht bei der
Geburt begleiten würde. Würde sie seine Präsenz bei der Geburt
ablehnen, könnte er sich abgewertet und ausgeschlossen fühlen.
Der Mann kann bei der Geburt eine sehr wichtige unterstützende
Aufgabe erfüllen, besonders wenn er einen guten Geburtsvorbereitungskurs
besucht hat. Die Gebärende braucht einen emotional und praktisch
unterstützenden Rahmen, damit sie sich für die Geburt öffnen
und loslassen kann. Ihr Partner spielt in diesem Zusammenhang
eine tragende Rolle und kann ihr helfen, besser mit dem Schmerz
umzugehen und dazu beitragen, daß die Geburt eine intensive
gemeinsame Erfahrung wird. Dabei darf aber nicht unterschätzt
werden, daß auch er eigene Ängste und Unsicherheiten hat,
und daß er sich den enormen Erwartungen, die vielleicht an
ihn gestellt werden, gar nicht gewachsen fühlt. Männer können
bei der Geburt sehr unterschiedlich reagieren: manche werden
zum Trainer, feuern ihre Frau an, nehmen die Dinge selbst
in die Hand. Andere ziehen sich zurück, fühlen sich nebensächlich
und bedürftig. Manche Männer erschrecken vor den gewaltigen
Kräften einer Geburt, sind traumatisiert durch das was sie
miterleben, insbesondere, wenn medizinische Eingriffe vorgenommen
werden. Auswirkungen auf die sexuelle Beziehung des Paares
sind nicht auszuschließen.

Mit der Geburt des Kindes beginnt eine riesige
Umbruchphase für ein Paar, besonders beim ersten Kind. Das
Baby mit seinen Bedürfnissen, die es nicht selbst befriedigen
kann, rückt in den Mittelpunkt des Geschehens. Viele Stunden
vergehen täglich mit Füttern, Wickeln, Pflegen, Tragen des
Babys. Der stillenden Mutter kommt dabei als Ernährerin des
Kindes eine große Verantwortung zu. Erwiesenermaßen hängt
der Stillerfolg unter anderem sehr stark von der Einstellung
des Mannes ab. Wenn auch in der ersten Zeit ihr Wohlbefinden
durch Nachwehen und schmerzende Dammnaht beeinträchtigt sein
mag, so wird die Frau langsam ein sicheres Gefühl im Umgang
mit ihrem Baby erlangen. Ein bißchen Ruhe, Entlastung und
"bemuttert werden" beschleunigen diesen Prozeß.
In den ersten Tagen nach der Geburt gerät der frischgebackene
Vater eigentlich schon ins Hintertreffen, außer wenn sich
das Paar für eine ambulante Geburt entscheidet. Dann kann
der Vater sich von Anfang an an der Babybetreuung beteiligen,
er hat den gleichen Wissens- und Erfahrungsstand wie seine
Partnerin und die frühe Vater-Kind-Beziehung wird gefördert.
Kommen Mutter und Kind erst nach 5 Tagen wieder nach Hause
, so ist der Vater vielleicht schon etwas ins Abseits geraten,
er fühlt sich noch unsicher im Umgang mit dem Baby, weiß nicht
so gut Bescheid wie seine Frau. Zu erleben, wie seine Frau
Stunde um Stunde mit dem Baby an der Brust verbringt, kann
dazu führen, daß er ambivalente Gefühle zum Stillen entwickelt.
Daraus können heftige Konflikte entstehen. Möglicherweise
hatte er sich sein Vatersein anders vorgestellt, seine Erwartungen
haben sich nicht erfüllt. Fühlt er sich zurückgesetzt und
frustriert, wird er in sein Berufsleben flüchten und dort
die Selbstbestätigung zu suchen, die er braucht. Die ersten
Wochen und Monate mit einem Baby sind sehr anstrengend, die
gemeinsame Zeit wird knapp für das Paar. Die Beziehung verändert
sich, es ist eine Drittperson dazugekommen, aus dem Paar sind
Eltern geworden. Es stellen sich viele Fragen prinzipieller
und praktischer Art:
Wie sieht die Rollenverteilung in der Familie
aus? Welche Modelle sind möglich? Beide voll berufstätig?
Eine(r) oder beide teilzeitbeschäftigt? Oder übernimmt die
Frau erst einmal die Rolle der Hausfrau und Mutter? Oder entschließt
sich der Vater dazu Hausmann zu werden? Die aktuelle Regelung
des congé parental bietet neue Möglichkeiten, neue Wege, neue
Perspektiven für die Väter.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich bei
der Initiativ Liewensufank die Idee zu dem Projekt "Aktive
Vaterschaft von Anfang an". Es geht darum, dem
Vaterwerden und Vatersein mehr Beachtung zu geben, die Bestrebungen
mancher Männer, andere Väter zu werden als ihre eigenen ernst
zu nehmen und zu unterstützen. Neben der Anschaffung von mehr
und aktueller Dokumentation über Vaterschaft, dem Integrieren
neuer Väter, Bücher in die Bibliothek und dem Planen einer
Web-site für Väter, haben wir ein neues Kurskonzept für Geburtsvorbereitung
ausgearbeitet und erprobt, das im nächsten Info vorgestellt
wird. Weitere Angebote für Väter wurden und werden noch entwickelt.
Es geht uns darum, Männer für ein neues, aktives Vatersein
zu sensibilisieren, ihnen Mut zu machen, sich mehr auf das
Vatersein einzulassen und neue partnerschaftliche Wege zu
gehen. Die Initiativ Liewensufank wird Frauen und Männer dabei
gerne unterstützen und beraten.
Chancengleichheit für Männer und Frauen bedeutet
für uns in diesem Zusammenhang, daß durch die Veränderungen
im traditionellen Rollenverhalten beide Partner gewinnen können.
Männer erhalten die Gelegenheit ihre emotionalen, spielerischen
und kreativen Fähigkeiten auszuleben und weiterzuentwickeln.
Die Frauen werden von ihrer Doppelbelastung etwas befreit
und können ihre persönlichen Prioritäten ohne Schuldgefühle
realisieren.
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