(DE) Vaginaluntersuchungen

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Geburtsroutinen Teil 1: Vaginaluntersuchungen

Die Entwicklung der Geburtsmedizin in den letzten Jahrzehnten hat dazu geführt, dass heutzutage die meisten Kinder im Krankenhaus zur Welt kommen und dass bei der Mehrzahl der Geburten viele Untersuchungen und Eingriffe routinemäßig zur Anwendung kommen. Die Gründe dafür sind vielfältig, haben aber oft mehr mit Krankenhausorganisation, den Arbeitsabläufen im Kreißsaal und rechtlicher Absicherung zu tun als mit der individuellen Geburtssituation. Physiologische Geburten, bei denen die Wehentätigkeit von selbst einsetzt und bei denen keinerlei medizinische oder medikamentöse Eingriffe erfolgen, sind zur Seltenheit geworden.

Zu den Geburtsroutineuntersuchungen gehört auch das Abtasten des Muttermundes. Dabei wird die Eröffnung des Muttermundes eingeschätzt, um den Fortgang der Geburt beurteilen zu  können. Bei Eintritt ins Krankenhaus wird die Frau meistens ein erstes Mal vaginal untersucht, um festzustellen, wie weit die Geburt ist, wie das Köpfchen des Kindes liegt und um einen Nabelschnurvorfall nach dem Platzen der Fruchtblase auszuschließen. Auch gegen Ende der Öffnungsphase wird untersucht, wenn die Gebärende Druck verspürt, um herauszufinden, ob der Muttermund vollständig geöffnet ist.

In der Regel werden aber viel häufiger Vaginaluntersuchungen im Verlauf der Geburt durchgeführt. Sie dienen vor allem der Dokumentation; die Befunde werden von der Hebamme ins Geburtsprotokoll eingetragen. Vaginale Untersuchungen können aber den natürlichen Geburtsverlauf stören, insbesondere, wenn die Gebärende sich dabei ausgeliefert und wenig respektiert fühlt. Sie wird von einer ihr in der Regel fremden Hebamme, die möglicherweise auch nicht die Muttersprache der Gebärenden spricht, gebeten, sich unbekleidet mit gespreizten Beinen auf den Rücken zu legen.
Es handelt sich bei der vaginalen Untersuchung um einen Eingriff in die intimste Körperregion der Frau. Dieser sollte nur mit sehr viel Respekt und Einfühlungsvermögen durchgeführt werden und auch nur bei wirklicher Notwendigkeit. Zu dieser Grundhaltung gehört, dass die Hebamme der Gebärenden im Vorfeld genau erklärt, was sie machen will und weshalb die Untersuchung sinnvoll ist. Die Frau müsste um ihr Einverständnis gebeten werden. Die Hebamme sollte nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass jede Frau zu dieser Untersuchung bereit ist. Es muss bedacht werden, dass manche Frauen mit traumatischen Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit den Geburtsraum betreten. Dann braucht diese Art der Untersuchung noch viel mehr Einfühlungsvermögen.

Viele Frauen empfinden eine vaginale Untersuchung als sehr unangenehm, sogar schmerzhaft, insbesondere, wenn sie während einer Wehe erfolgt, was nur in den seltensten Fällen sinnvoll ist. Dennoch lassen sie die Untersuchung einfach über sich ergehen, da sie davon ausgehen oder ihnen vermittelt wird, dass es gemacht werden muss. Dabei bringen häufige vaginale Untersuchungen auch gewisse Risiken mit sich. Jedes Mal können auch Keime in die Scheide gelangen, die zur Gebärmutter und dem ungeborenen Kind weiterwandern können, wenn die Fruchtblase offen ist. Das kann bei bestimmten krankenhauseigenen Keimen zu Infektionen der Gebärmutter nach der Geburt und zu Infektionen des Neugeborenen führen. Daher ist in medizinischen Lehrbüchern zu lesen, dass vaginale Untersuchungen auf ein Minimum beschränkt werden müssen. Bei einer vaginalen Untersuchung besteht auch immer die Möglichkeit (und manchmal auch die Absicht der Hebamme, um die Geburt zu beschleunigen), dass die empfindliche Haut der Fruchtblase verletzt wird und so vorzeitig platzt.
Das Kind und die Frau sollten aber so lange wie nur möglich von der geschlossenen Fruchtblase profitieren können, wie der Pionier der natürlichen Geburt Dr. Michel Odent empfiehlt. Der französische Gynäkologe setzt sich seit Jahrzehnten für die natürliche Geburt ein. Er bestärkt Frauen, wieder mehr auf ihre Instinkte zu hören und kritisiert die medizinisch geleitete Geburt. Nur wenn ein Notfall vorliegt, sollte gehandelt werden.

Heutzutage wird aber oft schon vorher gehandelt, um einen eventuellen Notfall zu vermeiden, was häufig zu einer Kettenreaktion führt, bei der ein Eingriff einen nächsten nach sich zieht. Michel Odent unterstreicht, dass eine Geburt so ungestört und unbeobachtet wie nur möglich verlaufen muss, damit die geburtsfördernden Hormone frei fließen und wirken können.
Routineuntersuchungen sind aber auch eine Art Beobachtung, welche die Frau sehr in ihrem natürlichen Geburtsprozess stören könnte. Auch die Äußerungen zum Befund der vaginalen Untersuchung können die Gebärende beeinflussen. Hier ist von den Hebammen sehr viel Feinfühligkeit verlangt. Frauen verlieren häufig den Mut, wenn sie sich schon mehrere Stunden durch die Geburtswellen geatmet haben und dann das ernüchternde Resultat von „nur“ ein paar Zentimeter Öffnung bekommen.
Dies kann zu Stress führen und die Frau fühlt sich unter Druck gesetzt, was wiederum die Geburt hinauszögern oder sogar zu einem Geburtsstillstand führen könnte. Weitere Eingriffe wären dann nötig. Dabei sagt die Öffnung des Muttermundes nicht sehr viel über die verbleibende Geburtsdauer aus. Bei vielen Frauen verläuft die Eröffnung des Muttermundes nicht linear, sondern schubweise. Eine Frau mit 3 cm Öffnung kann ihr Kind nur wenige Zeit später im Arm halten, möglicherweise wird es aber auch noch Stunden dauern, bis das Baby geboren wird.
Reine Beobachtung der Frau durch eine erfahrene Hebamme sagt viel mehr über den Geburtsverlauf aus (Stimmung der Schwangeren, die Töne, die sie von sich gibt, die Körperhaltung, der Körpergeruch der Frau, ihre Atmung…) und stört vor allem die Gebärende nicht. Wünscht sich eine Frau, so wenig wie nur möglich untersucht zu werden, muss sie das unbedingt im Vorfeld mit ihrem Arzt besprechen und in ihre Patientenakte eintragen lassen.
Des Weiteren kann in einem Geburtsplan festgehalten werden, dass zu viele Vaginaluntersuchungen nicht erwünscht sind. Man sollte eines immer im Hinterkopf haben: Ein Kind zu gebären ist ein normaler, natürlicher und schützenswerter Vorgang. Er sollte in großer Geborgenheit stattfinden und so intim wie nur möglich sein. Zu viele Eingriffe in den natürlichen Verlauf der Geburt können immer mit negativen Folgen verbunden sein.

Sandy Weinzierl-Girotto

(Artikel aus « baby info » 01/2015)