Stillen in den ersten Tagen nach der Geburt

Nach neun langen Monaten ist es endlich soweit: die ersten Wehen kündigen die Geburt an, die werdende Mutter packt vielleicht noch die letzten Sachen in den Klinikkoffer und macht sich auf den Weg in die Geburtsklinik

Die meisten Eltern haben sich schon im Vorfeld Gedanken über die Geburt ihres Kindes gemacht sie haben vielleicht einen Vorbereitungskurs besucht, haben interessante Bücher zum Thema gelesen, manche wissen ganz genau wie sie sich die Geburt vorstellen. Aber wie ist das mit dem Stillen? Was hat die Geburt denn nun mit dem Stillen zu tun? Inwieweit kann die Geburt den Stillbeginn positiv oder negativ beeinflussen? Was hat es mit dem „Bonding“, über das so viel geredet wird, auf sich? Ist das „Bonding“ wirklich so wichtig wie immer gesagt wird? Und das erste Anlegen: wann und wie soll das erste Anlegen stattfinden? Trinken alle Babys sofort nach der Geburt, oder nicht?

Das Stillen beginnt mit der Geburt
Hormonell gesehen löst die Geburt das Stillen aus! Während der Schwangerschaft unterdrücken die Hormone Progesteron, Östrogen und Plazentalaktogen die Laktation. Erst nach der Geburt, nachdem die Plazenta komplett ausgestoßen wurde, kann die Milchbildung graduell einsetzen. Das milchbildende Hormon Prolaktin kann nun ungehindert zum Zug kommen. Der Saugreiz des Babys und die Entleerung der Brust beschleunigen diesen natürlichen hormonellen Prozess und spielen eine maßgebende Rolle für die Aufrechterhaltung der Milchbildung! Frühes und häufiges Stillen tragen dazu bei die Hormonbildung bei der Mutter (Prolaktin und Oxytozin) zu unterstützen

Eine natürliche Geburt begünstigt den Stillbeginn
Es ist schon lange bekannt, dass eine natürliche Geburt (ohne Medikamente und medizinische Eingriffe) den Stillbeginn begünstigt, da Mutter und Kind die Geburt bewusst miterleben, und beide normalerweise wach und aktiv und aus hormoneller Sicht völlig auf das Stillen eingestellt sind. Eine natürliche Geburt kann zudem das Selbstvertrauen einer Frau sehr stärken. Sie erlebt, dass sie fähig ist ihr Baby selbst zur Welt zu bringen mit allem was das mit sich bringt: eine enorme körperliche Leistung mit bewusst erlebten und verarbeiteten Wehen. Eine Geburt ist ein überwältigendes Erlebnis im Leben einer Frau – und eine natürliche, positiv erlebte Geburt kann dazu beitragen, dass eine Frau auch in Bezug auf das Stillen Selbstvertrauen entwickelt und das Stillen als natürliche Fortsetzung von Schwangerschaft und Geburt ansieht.

„Was tun, wenn alles anders kommt?“
Wenn nun ein Eingriff nötig war: wenn die Geburt eingeleitet wurde, eine PDA gesetzt wurde, wenn ein Kaiserschnitt gemacht werden musste, eine Saugglocke oder Zange nötig waren? Eventuelle „Eingriffe“ die aus medizinischen Gründen manchmal notwendig sind, bedeuten nicht, dass keine gute Stillbeziehung aufgebaut werden kann! Hier ist es umso wichtiger, dass die Eltern sich bewusst sind, dass der Stillbeginn vielleicht etwas verzögert wird (zum Beispiel beim Kaiserschnitt), oder dass die Eingriffe von Mutter und Kind verarbeitet werden müssen. Ideal ist es natürlich, wenn die werdenden Eltern sich auf den Eingriff einstellen können, zum Beispiel beim geplanten Kaiserschnitt, einer Geburt, die eingeleitet werden soll, oder einer geplanten PDA. Schwieriger ist der Umgang mit Eingriffen, die nicht vorauszusehen sind, wie ein Notkaiserschnitt oder der Einsatz einer Geburtszange oder einer Saugglocke. Leider (oder vielleicht auch glücklicherweise) können die werdenden Eltern nicht alles vorhersehen, nicht alles planen. In Bezug auf den Stillbeginn ist es gut zu wissen, dass das Baby gegebenenfalls etwas länger Zeit braucht, weil es eine schwierige Geburt hinter sich hat. Hier kann ein ausgedehntes oder ein späteres Bonding dazu beitragen den schwierigeren Eintritt in diese Welt zu überbrücken und den verspäteten Stillbeginn zu erleichtern!

Das „Bonding“
Das Wort „Bonding“ kommt aus dem Englischen und bedeutet gegenseitige Bindung zwischen Mutter und Kind – ein ineinander verliebt werden. Diese Phase kann man mit der ersten Zeit der Verliebtheit eines Paares vergleichen. Dieses Sich-Ineinander-Verlieben ist sehr wichtig für das lebenslängliche Verhältnis, um eine stabile Basis für die Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen und zu erhalten. Die Initiative „stillfreundliches Krankenhaus“ („Babyfriendly Hospital“) unterstützt diese wichtige Phase maßgeblich und trägt durch ihre „10 Schritte zum erfolgreichen Stillen“ zu einem guten Stillbeginn bei.
„Müttern ermöglichen, ihr Kind innerhalb der ersten halben Stunde nach der Geburt anzulegen“.
Im „Idealfall“ wird das Baby unmittelbar nach der Geburt auf den Bauch der Mutter gelegt und bleibt dort bis es das erste Mal an der Brust getrunken hat! Normalerweise können alle Maßnahmen wie Wiegen, Messen und die ersten Untersuchungen warten!
Bei einer Kaiserschnittgeburt, wo dieser erste Kontakt nicht sofort möglich ist, kann der Vater bonden! Die Mutter kann das Bonding dann später nachholen.
Wichtig für das Bonding ist der direkte Hautkontakt zwischen Mutter (oder Vater) und Baby. Damit das Baby nicht auskühlt sollte das bondende Paar sich unbedingt gut zudecken! Es ist bekannt, dass Babys, die diesen ersten Kontakt mit ihrer Mutter ungestört genießen dürfen, selbst zur Brust hoch krabbeln, die Brust selbst erfassen und zu trinken anfangen (Routing-Reflex). Studien haben nachgewiesen, dass diese erste Kontaktaufnahme zwischen Mutter und Kind sogar einen Einfluss auf die Stilldauer und auf den Kontakt zwischen Mutter und Kind im späteren Leben hat!
Das Bonding muss sich nicht nur auf die ersten beiden Stunden im Kreißsaal beschränken. Es kann durchaus auch noch später im Zimmer fortgesetzt werden. Im Fall einer Trennung von Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt kann das Bonding auch Tage später nachgeholt werden! Im Fall von Frühgeborenen weiß man heute um die Wichtigkeit der Kängurupflege, die sich sehr positiv auf die Frühgeborenen auswirkt. Es ist also durchaus möglich – im Fall von nötigen Eingriffen und Trennung, das Bonding entweder nachzuholen oder auszudehnen!

Erstes Anlegen im Kreißsaal
Wie schon beim Thema Bonding erwähnt, findet das erste Anlegen normalerweise im Kreißsaal statt. Der Saugreflex ist etwa 20 Minuten nach der Geburt am Stärksten ausgeprägt. Gerade deshalb ist das unmittelbare Bonding nach der Geburt so wichtig: Um dem Baby die Gelegenheit zu geben so schnell wie möglich das erste Mal zu trinken. Manche Babys brauchen auch etwas mehr Zeit und benötigen vielleicht etwas Unterstützung. Wenn das Baby im Kreißsaal nicht das erste Mal trinkt, sollte die Mutter das Bonding unbedingt fortsetzen, wenn sie auf die Wochenbettstation verlegt wird! In diesem Fall kann der fortgesetzte Körperkontakt entscheidend dazu beitragen, das Baby zum Trinken an der Brust zu bewegen!

Intuitives Stillen
Wenn das erste Anlegen unmittelbar auf das Bonding erfolgt liegt die Mutter normalerweise auf dem Rücken, das Baby liegt seitlich in ihrem Arm, der Kopf des Babys befindet sich auf der Höhe der Brust und wird von ihrem Arm gehalten. Diese Position kann danach in einer etwas aufrechteren Haltung beibehalten werden. Die Mutter sitzt mehr oder weniger zurückgelehnt (je nachdem mehr liegend oder mehr sitzend), gut von Kissen abgestützt, das Baby liegt bäuchlings auf ihr, der Kopf entweder zwischen ihren Brüsten, oder auf einer Brust. In dieser Position werden die natürlichen Stillreflexe automatisch ausgelöst und das Baby wird sich normalerweise von selbst zur Brust hinbewegen. Die Mutter kann ihrem Baby helfen die Brust zu finden und zu erfassen, wenn sie mag. Normalerweise liegt der Kopf des Babys nach dem Erfassen der Brust etwas seitlich gegen den Arm der Mutter gestützt.
Diese Position ist sehr bequem und entspannend für Mutter und Kind und hat somit Vorteile. Viele Babys kommen mit dieser Position besser zurecht, weil ihre natürlichen Stillreflexe ausgelöst werden und diese Position eher ihrer Natur entspricht. Die Milch fließt meist besser, weil die Mutter entspannter ist. Das Bäuerchen erfolgt oft ganz von selbst, weil das Baby ja bäuchlings in einer recht aufrechten Position auf dem Bauch der Mutter liegt. Viele Babys erfassen die Brust auch besser in dieser Position, somit kann man hier eventuellen Problemen vorbeugen oder sie sogar beheben.

Stillen im Liegen
Diese Stillposition ist genau wie das intuitive Stillen entspannend und deshalb auch sehr gut für das Stillen nachts geeignet. Beim Stillen legt die Mutter sich auf die Seite, den Kopf mit einem Kissen unterstützt, eventuell ein längliches Kissen im Rücken (Stillkissen), ein kleines Kissen zwischen den Knien um den Rücken zu entlasten und das Baby liegt seitlich in ihrer Armbeuge, Bauch an Bauch mit der Mutter, der Kopf des Babys auf Brusthöhe. Wenn das Baby die Brust nicht gut erfassen kann, weil die Mutter zum Beispiel eine große, schwere Brust hat, kann es hilfreich sein eine dünne Handtuchrolle oder ein kleines, dünnes Kissen unter die Brust zu legen.

Kolostrum…und sonst nichts!!!
Die erste Milch, die das Baby während der ersten Tage erhält, wird Kolostrum genannt. Ein gesundes, voll ausgetragenes Baby braucht nichts Anderes während der ersten Tage. Die Gabe von Tee, Wasser oder Glukose würde nur störend auf den natürlichen Aufbau der Milchbildung wirken. Kolostrum unterscheidet sich von der so genannten reifen Muttermilch in Aussehen, Konsistenz und Farbe. Es ist etwas dickflüssiger als reife Muttermilch, von der Farbe her eher gelblich und auch etwas anders zusammengesetzt: Kolostrum enthält etwa 3 Mal so viel Eiweiß als reife Muttermilch speziell wegen der hohen Konzentration von Immunglobulinen, des Weiteren enthält es weniger Fette und Laktose als reife Muttermilch. Das Kolostrum ist die ideale Nahrung für das Neugeborene, um sich dem extrauterinen Leben anzupassen. Es unterstützt unter anderem die Ausscheidung des bilirubinreichen Mekoniums (Kindspech), was dazu beiträgt eine Neugeborenengelbsucht zu verhindern, es hilft den Blutzucker zu stabilisieren und versorgt das Kind mit einer „Extraportion“ Immunglobulinen.

Wie oft, wie lange?
Beim ersten Anlegen (und auch sonst), sollte man dem Rhythmus des Babys folgen und es solange und so oft trinken lassen wie es möchte (etwa 4 bis 6-mal am 1. Tag). Das erste Anlegen sollte wie schon erwähnt so schnell wie möglich nach der Geburt stattfinden, spätestens aber nach 6 Stunden. Wenn das Baby nach 6 Stunden noch nicht an der Brust getrunken hat, sollte versucht werden es aufzuwecken und es zum Trinken zu bewegen. Hierbei kann es hilfreich sein, wenn die Mutter einen Tropfen Kolostrum ausmassiert, um das Baby zusätzlich zum Trinken anzuregen. Der direkte Haut-zu-Haut Kontakt sollte auch unbedingt fortgesetzt werden, um die ersten Hungerzeichen des Babys zu erkennen (Sauggeräusche, Schmatzen, suchende Bewegungen des Kopfes, Unruhe, Hand wird zum Mund bewegt) und ihm beim Anlegen behilflich zu sein.

Stillen nach Bedarf
Ein Neugeborenes sollte nach Bedarf gestillt werden. Das Stillen nach Bedarf richtet sich nach dem Bedarf des Babys und der Mutter. Normalerweise entspricht das einem Stillrhythmus von 8 bis
12-mal in 24 Stunden (also alle 2-3 Stunden Tag und Nacht!). Manche Babys trinken aber auch häufiger, manche weniger oft. Idealerweise sollte das Baby sein ganzes Saugbedürfnis an der Brust stillen.

Stillen an beiden Brüsten und ohne zeitliche Begrenzung
Eine andere wichtige „Stillregel“ ist dem Kind bei jeder Mahlzeit beide Brüste anzubieten und dies ohne zeitliche Begrenzung! Es kann einige Zeit dauern bis der Milchspendereflex ausgelöst wird, außerdem sind Pausen mit Nuckel-Phasen (non-nutritives Saugen) durchaus normal und so kann es schon einige Zeit dauern bis das Baby satt ist.
Ein anderer Grund für diese Vorgehensweise ist, dass das Baby unbedingt an die fettreiche „Hintermilch“ gelangen sollte, um richtig satt zu werden. Das bedeutet, das Baby idealerweise so lange an der Brust trinken lassen bis es von selbst loslässt. Wenn es nach einiger Zeit zum Nuckeln übergeht, oder es einschläft, kann es selbstverständlich von der Brust gelöst werden und versucht werden es an der anderen Brust anzulegen. Das Stillen an beiden Seiten ist in den ersten Tagen wichtig für die gleichmäßige Stimulation beider Brüste und damit für den Aufbau der Milchmenge. Nach einigen Tagen trinken manche Babys nur noch an einer Brust, andere trinken immer an beiden Brüsten.

Frühe Hungerzeichen erkennen
Die Mutter sollte lernen die frühen Hungerzeichen des Babys zu erkennen. Schreien ist ein sehr spätes Hungerzeichen. Außerdem ist es sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen schreienden Säugling an die Brust zu legen.
Frühe Hungerzeichen sind:
• Sauggeräusche
• Schmatzen
• Hand wird zum Mund bewegt
• Sanfte Laute
• Unruhe
• Schnelle Augenlidbewegungen

Das schläfrige Baby
Manchmal muss ein schläfriger Säugling auch zum Trinken
aufgeweckt werden, vor allem wenn die Mutter übervolle oder
schmerzende Brüste hat.
Wecken:
• Sprechen
• Aufwecken
• Wickeln
• Ausziehen
• Haut-zu-Haut Kontakt
• Leichte Massage

Das Angebot regelt die Nachfrage
Das bedeutet, dass je früher und desto häufiger ein Baby angelegt wird, desto mehr Milch wird produziert. Die Milchproduktion ist also davon abhängig wie oft ein Baby gestillt wird. Wird die Brust nicht oft und nicht lange genug entleert, wird nicht genug Milch produziert. Vor allem bei Zwillingsgeburten kann man die Richtigkeit dieser Aussage erkennen, denn die Milchproduktion kann sich auch auf zwei Babys einstellen! Auch wenn ein Baby wächst, also wenn auf einmal mehr Milch gebraucht wird, stellt die Produktion sich auf die vermehrte Nachfrage ein. Wird das Baby also vermehrt angelegt, regelt sich die Produktion und das Stillen läuft wieder in einem normalen Rhythmus weiter. Solche Zeiten, die man „Wachstumsschübe“ nennt, finden normalerweise um den 10. Lebenstag, die 3. Woche, die 6. Woche, den 3ten Monat und den 6. Monat statt. Selbstverständlich ist es auch möglich, dass diese Wachstumsschübe auch zu anderen Zeiten stattfinden, oder dass die Mutter diese Zeiten gar nicht bemerkt.

Die verschiedenen Stillpositionen
Das intuitive Stillen und das Stillen im Liegen wurden schon beschrieben. Weitere Positionen werden in der Broschüre „Stillen von A-Z“ beschrieben (www.liewensufank.lu -> Info Ecke).
Bei allen Positionen gibt es einige Grundregeln, die es zu beachten gilt:
1. Die Mutter sitzt aufrecht und bequem (oder liegt).
2. Das Baby sollte immer zur Brust gebracht werden und nicht umgekehrt.
3. Das Baby sollte auf der Höhe der Brust liegen, entweder im Arm der Mutter oder auf einem Kissen (eventuell Stillkissen).
4. Der Körper des Babys ist ganz der Mutter zugewandt (und nicht verdreht).
5. Die Mutter wendet eventuell den C-Griff an, um die Brust anzubieten (vier Finger unter der Brust, der Daumen oberhalb – mit Abstand zum Warzenhof), damit das Baby viel Brust erfassen kann.
6. Der Mund des Babys ist weit geöffnet.

Das korrekte Erfassen der Brust
1. Das Kinn und die Nase berühren die Brust
2. Die Lippen sind nach auβen gestülpt
3. Die Zunge liegt unterhalb der Brust
4. Das Baby saugt rhythmisch
5. Nach einiger Zeit hört man das Baby schlucken
6. Man kann sehen wie die Wangenmuskulatur „arbeitet“, manchmal wackelt sogar das Ohr!


Schmerzende Mamillen
Eins sofort vorneweg: Stillen soll nicht wehtun! Wenn beim Stillen starke Schmerzen auftreten, dann bedeutet das meistens, dass das Baby entweder nicht korrekt angelegt ist oder dass das Baby die Brust nicht richtig erfasst, also nicht korrekt saugt. Es kann aber durchaus normal sein, dass am Anfang der Stillzeit ein kurzer Schmerz beim Ansaugen des Kindes auftritt. Hält dieser Schmerz aber länger an, wird heftiger, oder tritt gar eine Verletzung (Rhagade) an der Mamille auf, dann sollte unbedingt eine Fachperson zu Rate gezogen werden.
Oft kann man das Problem durch die Verbesserung der Position an der Brust beheben. Hilft das nicht, dann muss unbedingt das Saugen des Kindes genau untersucht werden. Oft liegt das Problem darin, dass das Baby den Mund nicht groß genug aufmacht. Deshalb ist es sehr wichtig, dass beim Anlegen darauf geachtet wird, dass das Baby erst an die Brust herangezogen wird, wenn es den Mund groß genug aufhat. Also auf gar keinen Fall heldenhaft starke Schmerzen ertragen. Wenn das Stillen stark schmerzt, sollte das Baby sofort von der Brust genommen werden, indem der kleine Finger zwischen die Zahnleisten des Babys geschoben wird und das Vakuum, welches das Baby während des Stillens aufgebaut hat, zu lösen. Wenn es nicht klappen sollte, das Baby erneut anzulegen, ist zu empfehlen eine Fachperson zu Rate zu ziehen, die eine ganze Stillmahlzeit begutachtet und entsprechende Maßnahmen einleiten kann.

Sind Mindestabstände zwischen den Stillmahlzeiten notwendig?
Obwohl die meisten Mütter über den normalen Stillrhythmus eines Neugeborenen Bescheid wissen, sind sie oft unsicher ob sie nicht doch Mindestabstände zwischen den Stillmahlzeiten einhalten sollten. Diese Frage kann ganz klar mit „Nein“ beantwortet werden: es brauchen keine Mindestabstände eingehalten zu werden! Eine solche Maßnahme kann sogar zu Problemen führen. Vor allem in den ersten Lebenstagen und -wochen ist es sehr wichtig, dass die Milchbildung sich gut einspielt, denn die Prolaktinrezeptoren müssen etabliert werden (Prolaktin ist das milchbildende Hormon). Das bedeutet, dass Mutter und Kind sich ungestört kennenlernen und das Baby uneingeschränkten Zugang zur Brust haben sollte!

Abendliches Clusterfeeding
Ein gutes Beispiel hierfür ist das abendliche Clusterfeeding, was oft im späten Nachmittag beginnt und sich über Stunden hinweg bis in die Nacht hinein fortsetzen kann. Das Baby trinkt während mehrerer Stunden entweder ununterbrochen oder mit kleinen Pausen an der Brust. Nach diesem „Stillmarathon“ fallen die meisten Babys in eine längere Schlafphase. Dieses Phänomen ist so zu erklären, dass das milchbildende Hormon Prolaktin abends einen Tiefstand hat. Durch das häufige Saugen sichert das Baby sich seine Milchmenge für den nächsten Tag. Nachts zwischen 2 und 5 Uhr steigt der Prolaktinspiegel dann wieder an und morgens berichten die meisten Mütter, dass ihre Brüste sich sehr voll anfühlen.

Der Milcheinschuss
Der Milcheinschuss findet normalerweise zwischen dem 2. und
4. Tag nach der Geburt statt. Der Milcheinschuss bedeutet, dass der Übergang vom Kolostrum zur so genannten „reifen“ Muttermilch stattfindet. Während des Milcheinschusses zirkuliert mehr Blut- und Lymphflüssigkeit in der Brust, die dadurch anschwillt (das kann manchmal sehr beeindruckend sein!). Wird das Baby früh und häufig angelegt wird, verläuft der Milcheinschuss sanfter.
Die Mutter merkt, dass die Farbe und die Konsistenz der Milch sich ändern: im Gegensatz zum Kolostrum ist die reife Muttermilch dünnflüssiger und weiß. Reife Muttermilch ist auch etwas anders zusammengesetzt als Kolostrum. Sie enthält alle nötigen Nährstoffe in genau der richtigen Konzentration und Zusammensetzung, die ein gesundes, voll ausgetragenes Baby braucht.

Maßnahmen bei einem schmerzenden Milcheinschuss
Es kann vorkommen, dass der Milcheinschuss schmerzhaft verläuft, dass die Brust sehr stark anschwillt, überhitzt und sehr berührungsempfindlich ist.
Folgende Maßnahmen können in diesen Fällen Abhilfe schaffen:
• Warme Kompressen anwenden, um den Milchfluss zu fördern.
• Häufig Stillen, ruhig das Baby wecken!
• Nach dem Stillen die Brust eventuell kühlen.
• Eine sanfte Massage machen (die Marmet-Technik) und etwas Milch ausmassieren bis die Brust sich wieder weicher anfühlt und das Baby die Brust wieder besser erfassen kann.
• Bei starken Schmerzen kann der Arzt nach einem Schmerzmittel gefragt werden.

Genug Milch?
Die Hauptsorge aller Mütter ist wohl, ob sie wirklich genug Milch für ihr Baby haben.
Es gibt sichere Anzeichen dafür ob das Stillen sich gut einspielt und das Baby genug Muttermilch erhält.
Zeichen für eine ausreichende Milchmenge und
eine normale Gewichtsentwicklung
• Das Baby verliert nicht mehr als 7% von seinem Geburtsgewicht. Fast alle Babys verlieren nach der Geburt etwas an Gewicht. Dieser physiologische Gewichtsverlust ist völlig normal. Verliert das Baby mehr als 7% sollte das Stillmanagement überprüft und eventuell verbessert werden, damit das Baby nicht bis an die 10% -Grenze kommt und zugefüttert werden muss.
• Nach dem 3. Lebenstag nimmt das Baby nicht mehr ab
• Ab dem 5. Lebenstag beginnt das Baby wieder zuzunehmen
• Nach dem 4. Tag hat das Baby mindestens 3x Stuhlgang und 6 nasse Windeln in 24 Stunden
• Das Baby macht einen sichtbar satten und zufriedenen Eindruck
• Während dem Stillen hört man das Baby schlucken

Nachts stillen
Ein Neugeborenes macht keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Es möchte nachts genauso gestillt werden wie tagsüber. In den meisten Geburtskliniken wird es in der Zwischenzeit als ganz normal angesehen und sogar befürwortet, dass das Baby nachts bei der Mutter im Bett schläft. In manchen Kliniken gibt es spezielle Beistell-Bettchen, die am Bett der Mutter angebracht werden können und somit das nächtliche Stillen in dem Sinn erleichtern, dass die Mutter das Kind nachts problemlos bei sich haben kann und im Liegen stillen kann.
Das oben genannte Co-Sleeping kann zu Hause fortgesetzt werden und ermöglicht der ganzen Familie genug Schlaf zu bekommen.

Schlaf der stillenden Mutter
Durch die Stillhormone schlafen stillende Mütter anders als nicht stillende Mütter: sie werden leichter wach und schlafen aber auch schneller wieder ein. Ihr Schlaf passt sich dem des Babys an, da ihre aktiven Schlafphasen während der Stillzeit ansteigen und somit den Schlafphasen des Babys gleichen.

Stillen ist mehr als nur „Ernährung“
Zum Abschluss möchte ich noch erwähnen, dass Stillen für das Baby nicht nur Ernährung bedeutet. Das Stillen ermöglicht dem Baby ganz nahe bei seiner Mutter zu sein und somit auch seine emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Viele Mütter stellen sehr schnell fest, dass ihr Baby sich sehr gut an der Brust beruhigen und auch in den Schlaf begleiten lässt. Viele Babys „nuckeln“ liebend gern an der Brust: sie genießen einfach die Nähe und Wärme ihrer Mutter.
Die Stillhormone Prolaktin (auch Mütterlichkeitshormon genannt), und Oxytozin (auch Liebeshormon genannt), tragen auch dazu bei, dass die Mutter eher bereit ist auf ihr Baby einzugehen. Die Mutter ist gelassener und entspannter und kann das Stillen zusammen mit ihrem Baby so richtig genießen.

Ute Rock
Ein Artikel, der in der Elternzeitschrift „baby info“ veröffentlicht wurde (nr 2/2019)

Siehe auch: Stillen von A-Z – ein Ratgeber zum Thema, der Online oder in gedruckter Form erhältlich ist.