Künstliches Oxytocin

Geburtsroutinen Teil 3: Künstliches Oxytocin

Oxytocin ist griechisch und heißt soviel wie „schnelle Geburt“

In letzter Zeit bekommen Mütter immer häufiger direkt nach der Geburt ihres Kindes präventiv synthetisches Oxytocin gespritzt. Dies soll überdurchschnittlich starke Blutungen vermeiden. Wie so oft werden die Frauen kaum oder gar nicht über mögliche Nebenwirkungen dieser Medikamentengabe informiert.

Studien haben gezeigt, dass eine präventive Gabe von Oxytocin nach der Geburt das Blutungsrisiko senken könnte. Eine steigende Zahl von Ärzten praktizieren in letzter Zeit diese präventive Routinegabe auch hier in Luxemburg und greifen so in das empfindliche Zusammenspiel des natürlichen Hormonflusses ein. Das körpereigene Oxytocin, das bei einer natürlichen, ungestörten Geburt reichlich fließt, ist für vieles verantwortlich:

  • Es stimuliert die Gebärmutter und löst so die Geburtswellen aus. Solange die Geburt nicht gestört wird (durch Interventionen, PDA, Stress,…), ist das Adrenalin niedrig und das Oxytocin und Endorphin (körpereigenes Schmerzmittel) sehr hoch. Die Geburtswellen kommen und gehen regelmäßig.
  • Nach der Geburt ist das Oxytocin ein starkes Liebeshormon, das die Bindung zwischen Mutter und Kind sichert. Nie wieder ist der Oxytocinspiegel der Mutter und des Babys so hoch wie nach der Geburt. Der direkte Hautkontakt ist sehr wichtig, weil er die Ausschüttung von Oxytocin bei Mutter und Baby fördert. Dieses Hormon ist verantwortlich dafür, dass Mutter und Kind sich ineinander verlieben (Bonding) und auf dieser Basis eine starke Bindung aufbauen. Enger Hautkontakt und schnelles Anlegen an die Brust waren früher, als es noch kein künstliches Oxytocin gab, für Mütter überlebenswichtig, da dann natürliches Oxytocin ausgeschüttet wird und sich die Gebärmutter zusammenzieht. Nur dann ist das Blutungsrisiko gering.
  • Oxytocin, verantwortlich für den Milchspendereflex, bringt die Milch zum Fließen.
  • Das Hormon beeinflusst zudem unser Sozialverhalten und fördert unser Vertrauen in andere Menschen. Oxytocin ist mitverantwortlich für Empathie gegenüber unseren Mitmenschen.
  • Oxytocin als Gegenspieler von Adrenalin (Stresshormon) fördert Entspannung und positive Stimmung.

Dies sind also wichtige Faktoren, die auch für das spätere Leben von Bedeutung sein könnten. Deswegen machen sich viele Mütter Gedanken über die präventive Gabe von synthetischem Oxytocin und suchen nach Informationen, um eine Entscheidung für sich zu treffen.

Wenn eine Mutter dieses Hormon in künstlicher Form, vor oder nach der Geburt, verabreicht bekommt, ist der natürliche Hormonspiegel stark gehemmt. Des Weiteren blockiert diese künstliche Gabe die Oxytocinrezeptoren im Körper der Mutter und des Babys dauerhaft. Sehr oft werden Frauen vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht weiter über diese Gabe informiert. Sie wird oft kommentarlos nach der Geburt in den vorhandenen Venenkatheter injiziert.

Eine routinemäßige Gabe von künstlichem Oxytocin sollte in ihrer Wirkung aber nicht unterschätzt werden. Sie könnte zu einer Reihe von Schwierigkeiten führen:

  • Oxytocin hat eine starke Auswirkung auf den Kreislauf: es kann den Blutdruck senken und die Herzfrequenz erhöhen, was je nach Dosierung zu Problemen führen könnte.
  • Bei einer Untersuchung von Kindern nach einer„OxytocinGeburt“ wurden Bindungsprobleme beobachtet. Die Mutter scheint sich nicht richtig auf ihr Baby einstellen zu können. Negative Gefühle können überragen. Häufig wird dann auch über länger anhaltenden Babyblues oder sogar Depressionen berichtet. Manche Mütter machen sich Vorwürfe und können sich nicht richtig über ihr neues Glück freuen.
  • Des Öfteren berichten Mütter auch, dass sie Probleme beim Stillen haben. Die Milch scheint nicht richtig fließen zu wollen.  Forscher haben herausgefunden, dass sich eine Oxytocingabe negativ auf die Stilldauer auswirken kann. Mütter, die nach der Geburt Oxytocin erhalten hatten, kämpften häufiger mit Stillproblemen, die in der Folge zu früherem Abstillen beitrugen.
  • Auffällig ist, dass viele dieser Babys lange im Moro Reflex (auch Klammerreflex genannt, welcher bei der Geburt und bis ungefähr zum Alter von 3 Monaten zu beobachten ist) bleiben und eher schreckhaft sind.
  • Beobachtet wurde auch, dass viele Babys, deren Mütter künstliches Oxytocin erhielten, sich zu sogenannten Schreibabies entwickelten.
  • Manchmal wurden bei diesen Kindern beobachtet, dass sie Probleme hatten, Sozialkontakte zu knüpfen. Sie neigen dazu, über andere bestimmen zu wollen.
  • Des Weiteren könnten Oxytocinkinder auch im späteren Leben unter dieser präventiven Gabe leiden: Bei Aggressivität, Depressionen und anderen Störungen scheint die Gabe von synthetischem Oxytocin eine Rolle zu spielen. Vor diesen negativen Effekten warnte auch der erfahrene französische Gynäkologe Michel Odent schon mehrfach.

All dies analysierte Winstone CL. (*) bei dreijährigen Kindern, deren Geburt mit Oxytocin eingeleitet oder beschleunigt wurde. Inwieweit auch die Oxytocinverabreichung nach der Geburt einen Einfluss darauf hat, wurde noch nicht erforscht. Die Studien weisen auch darauf hin, dass das frühe Abnabeln des Neugeborenen und das Ziehen an der Nabelschnur, um die Geburt der Plazenta zu beschleunigen, keine Vorteile bringen, wenn eine Prävention von starken Blutungen nach der Geburt erreicht werden soll.

Die Studien weisen auch darauf hin, dass das frühe Abnabeln des Neugeborenen und das Ziehen an der Nabelschnur, um die Geburt der Plazenta zu beschleunigen, keine Vorteile bringen, wenn eine Prävention von starken Blutungen nach der Geburt erreicht werden soll. Die zuständigen Fachgremien und nationalen Autoritäten in England haben zu dieser Thematik – und vielen anderen Themen der Geburtshilfe – Richtlinien (NICE Clinical Guidelines) ausgearbeitet. Das Gesundheitspersonal soll demnach bereits in der Schwangerschaft die Frauen über die beiden Möglichkeiten informieren. Nebenstehend die konkreten Informationen, die an die Frauen weitergegeben werden.informieren. Nebenstehend die konkreten Informationen, die an die Frauen weitergegeben werden.

Aktives Management der Nachgeburtsphase mit Oxytocin:

  • Verkürzt die Dauer der Nachgeburtsphase
  • Bei 100 von 1000 Frauen wurden Übelkeit und Erbrechen beobachtet.
  • Das Risiko für eine starke nachgeburtliche Blutung von mehr als 1 Liter liegt bei 13:1000
  • Das Risiko, eine Bluttransfusion zu benötigen, liegt bei 14:1000

Physiologisches Management der Nachgeburtsphase ohne Oxytocin: 

  • Bei 50 von 1000 Frauen wurden Übelkeit und Erbrechen beobachtet.
  • Das Risiko für eine starke nachgeburtliche Blutung von mehr als 1 Liter liegt bei 29:1000
  • Das Risiko, eine Bluttransfusion zu benötigen, liegt bei 40:1000

Die Richtlinien sehen vor, dass bei der Aufnahme zur Geburt in einem Gespräch geklärt wird, welche Vorgehensweise die Frau wünscht. Das Gesundheitspersonal soll den Frauen zwar zu einem aktiven, medikamentösen Management der Nachgeburtsphase raten, doch wenn eine Frau mit niedrigem Blutungsrisiko ein  physiologisches Management der Nachgeburtsphase wünscht, so sollte die Frau bei ihrer Wahl ausdrücklich unterstützt werden. Jede Frau und jedes Paar sollte die Möglichkeit haben, den für sie besten Weg wählen zu können und ihre Wünsche danach dem betreuenden Personal mitteilen. Mütter sollen die ersten Stunden in engem Hautkontakt mit ihrem Neugeborenen verbringen und es an die Brust legen, sobald das Baby Suchbewegungen macht. Das gilt insbesondere, wenn die Geburt mit synthetischem Oxytocin eingeleitet oder beschleunigt wurde oder das Medikament präventiv nach der Geburt des Babys verabreicht wurde.

Sandy Weinzierl-Girotto

(Artikel aus „baby info“ 07/2015)

 


Wer mehr darüber wissen will, kann hier die ganze Beobachtung nachlesen: