„Mir ist so langweilig“

Langeweile aufkommen lassen und die inneren Kräfte der Kinder wecken

In diesem Beitrag möchte ich eine Lanze für die Langeweile brechen: Kinder, langweilt euch! Langeweile aushalten zu können und von sich aus Antrieb und Motivation finden, um eine neue Aufgabe in Angriff zu nehmen sind wichtige Fähigkeiten. Sie werden erstaunt sein, wie kreativ Kinder werden, wenn sie sich Gedanken darüber machen können, was sie als nächstes tun wollen.

Kinder erleben heutzutage zumeist einen sehr strukturierten Alltag. Was spricht dagegen? Strukturen sollen ja für Kinder so wichtig sein! Doch meist geht es hier um ganz andere Strukturen als jene, die der Entwicklung und dem Heranwachsen dienlich sind – es sind die Strukturen der „Erwachsenenwelt“: Arbeitszeiten, Urlaubsregelungen, usw. Dadurch sind Kinder meist auch in sogenannten „Betreuungsstrukturen“ untergebracht (Crèche, Maison Relais) und früh (im europäischen Vergleich) beginnt die Schulpflicht mit geregelten Unterrichtszeiten vormittags und nachmittags. Gut gemeint ist auch das vielfältige Kursangebot für Babys und Kinder, das den Alltag weiter planmäßig ablaufen lässt.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Mir ist durchaus bewusst, dass Erwerbstätigkeit notwendig ist und es gibt sehr gute Kurse. Gerade in den Babyjahren bieten solche Kurse auch die Möglichkeit, sich mit anderen Eltern zu vernetzen. Ich plädiere jedoch altersunabhängig zu einem „weniger ist mehr“ – nur wirklich notwendige  Fremdbetreuung und eine zielgerichtete Kursauswahl, die dem Kind noch genügend Freiräume lässt, denn: Kinder lernen im Freispiel!

Finden Kinder in ein konzentriertes Spiel bzw. verweilen sie in einer Tätigkeit (z.B. beobachten), werden sie jedoch oft wieder aus diesem/dieser „herausgerissen“ – wenn der Terminplan ruft. Natürlich gibt es Situationen in denen wir ein Kind zur Eile rufen müssen, wenn man z.B. einen Bus erreichen muss. Es gibt jedoch genügend Momente, in denen wir Kinder in ihrem „Flow“ belassen können und dies dann auch tun sollten, denn es wäre gut, wenn sie „das zeitlose Verweilen nicht ganz verlernen“ würden (Merz 2006: Seite 114).

Diese fast schon Überstrukturierung des Familienalltags führt dazu, dass Kinder wenige freie Spielzeiten haben. Gemeinsame Spielzeit, in der Eltern nicht anderweitig beschäftigt sind, ist wahrscheinlich noch seltener. Dabei ist es für Kinder in ihrem Heranwachsen wichtig, dass sie erfahren, wertvoll zu sein, beachtet und wahrgenommen zu werden. Das gelingt unter anderem dadurch, dass Eltern ihre Kinder im Spiel beobachten. Kinder drücken diesen Wunsch sehr unverblümt aus, wenn sie immer wieder rufen: „Mama guck‘ mal“ oder „Papa schau, was ich kann!“ oder sich mit Blicken versichern möchten, wahrgenommen zu werden. Kinder haben aber auch das Bedürfnis, unbeobachtet zu sein, welches mit zunehmendem Alter wächst. Auch das gilt es zu respektieren und ist wichtig in der Autonomieentwicklung eines Menschen.

Die selbstbestimmte Tätigkeit ist das größte Lernfeld, das Kindern zur Verfügung steht. Bereits Babys gehen dabei ihrem ganz individuellen Entwicklungsplan nach, z.B. in der motorischen Entwicklung. Aber auch die Spielentwicklung durchläuft alle Stadien, damit sich die grundlegenden motorischen, intellektuellen und sozialen Fähigkeiten bilden können: Von der frühen Hand-Auge-Koordination über komplexe Aufgaben des Sortierens, hin zum gemeinsamen Spiel, dem Rollenspiel, Regelspiel, usw. Auch die Sprachentwicklung verläuft nach einem individuellen Plan. Wesentlich ist hierbei nicht, dass möglichst früh gezielt gefördert und somit von den Kindern auch gefordert wird, sondern dass das Kind Kommunikation er-leben kann und auch als Interaktionspartner respektiert wird, auch wenn zunächst keine Wörter zur Verfügung stehen. Haben Kinder die Möglichkeit, von Anfang an möglichst ungestört ihrem Entwicklungsplan zu folgen, so kann man beobachten, wie das Kind schrittweise heranwachsen kann, sich neue Aufgaben stellt und oft unermüdlich wiederholt, bis eine neue Fähigkeit erlangt wurde (sei es im motorischen Bereich, in der Spielentwicklung oder im Bereich der Sprache).

Wird von Entwicklung gesprochen, übrigens einem psychologischen Konzept, das in unserem Alltag Einzug gefunden hat, so hat man unweigerlich Pläne,  Entwicklungskurven, usw. im Kopf. Es scheint ein Optimal zu geben und dann Abweichungen von dieser Norm und der Druck auf viele Eltern steigt, alles zu tun, damit das eigene Kind sich innerhalb der gedachten Norm befindet. Leider führt das oft nicht zu einer Förderung, sondern zur Überforderung. Nicht nur manche Kursangebote machen sich diese Ängste oder Sorgen der Eltern zu nutze, sondern auch die Spielzeugindustrie wird nicht müde, damit zu werben, warum gerade dieses oder jenes Spielzeug unverzichtbar für die Entwicklung des Kindes wäre. Durchforstet man das Angebot bekannter Firmen, so wird deutlich, dass bereits eine unüberschaubare Fülle an Spielzeugen für Kinder unter 12 Monaten auf dem Markt ist. Nun liegt der Entscheidungsdruck wieder auf Seiten der Eltern: Was ist das Beste für mein Kind? Soll ich ihm wirklich das eine Spielzeug vorenthalten, weil ich es eigentlich unnötig finde oder riskiere ich dadurch, dass mein Kind bereits in den ersten Monaten den Anschluss zu Gleichaltrigen verliert? Neben anderen Gründen ist dies eine Ursache, weswegen sich in den meisten Kinderzimmern ein Überangebot an vorgefertigten Spielzeugen befindet.

Es geht nun nicht darum, ein anderes Extrem zu bedienen und Kinder in einen leeren Raum zu setzen. Natürlich benötigen Kinder Spielmaterial und das kann auch vorgefertigtes Spielzeug sein. Die Frage sollte nur immer sein: Was benötigt mein Kind gerade, um selbstbestimmt tätig zu sein? Wie viele unterschiedliche Sachen bespielt mein Kind wirklich? Kann es bei einem Spiel bleiben oder wird es von einer Fülle von Spielzeugen vom konzentrierten Spiel abgehalten?

Oft ist es jedoch so, dass Spielmaterialien wie Tücher, Kisten, Körbe, Seile, usw. eher zum freien Spiel anregen als vorgefertigte Spielsachen. Wichtig ist auch, dass Kinder viel Zeit im Freien verbringen können, da es in der Natur immer wieder Neues zu entdecken gibt und somit Spielmaterialien nicht „abgespielt“ werden.

Und wenn es doch zu Langeweile kommt? Eltern sind zeitweilig besorgt, wenn sie sehen, dass ihr Kind „nur daliegt“ oder auf dem Spielplatz „nur zuschaut“, fordern das Kind auf zu spielen oder sich eine Beschäftigung zu suchen, versuchen es vielleicht in gemeinsame Aktivitäten einzubinden oder spielen Animateur. Manchmal erscheint es fast, als würden die Erwachsenen die Spannung, die Langeweile mit sich bringen kann, nicht aushalten und hoffen, ihr Kind würde bald wieder das Spiel aufnehmen, die Spannung somit abflauen lassen. Langeweile ist in unserer Gesellschaft negativ besetzt, denn sie bringt oft mit sich, dass jemand nicht produktiv ist, gerade nichts tut und somit dem an der Wirtschaft orientierten Gesellschaftsbild widerspricht.

Dabei kann Langeweile auch sehr positive Kräfte wecken: Kreativität, das Gefühl, etwas nun wirklich machen zu wollen, man findet zu sich, man tritt mit sich, seinen Vorstellungen und Phantasien in Kontakt, man schmiedet Pläne und überlegt, wie diese umgesetzt werden können – alles Fähigkeiten, die üblicherweise positiv wahrgenommen werden. Nur eben der Zustand, der diese Kräfte wecken kann, die Langeweile – scheint unerwünscht.

Wesentlich ist, zu erwähnen, dass zuschauen oder entspannt daliegen und vielleicht vor sich hin träumen durchaus auch als Tätigkeit gerechnet werden kann. Zuschauen und beobachten können ist eine wichtige Fähigkeit, um z.B. auch gemeinsam mit anderen spielen zu können oder um einen Anreiz zu bekommen, selbst etwas zu versuchen. Das „Daliegen“ spricht dafür, dass es ein Kind schafft, sich Pausen zu gönnen, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Das Kind kann also für sich sorgen. Hat ein Kind genug zugeschaut oder konnte es wieder Kräfte sammeln, so beginnt für gewöhnlich die nächste Spielphase ohne Zutun eines Erwachsenen.

Zuschauen oder ausruhen sind also wichtige Tätigkeiten eines Kindes. Kommen wir noch zum „vor sich hinträumen“. Das machen vor allem Kinder, die sich auch „langweilen“ dürfen, die nicht bei der kleinsten Untätigkeit zu einer Aktivität aufgefordert werden. Sie können auch einmal ein wenig abschweifen, Gedanken kommen und gehen lassen und meist sehr unvermutet endet diese Phase und sie fallen in ein tiefes, konzentriertes Spiel. Dafür benötigen sie jedoch nicht nur Erwachsene, die ihnen mit Zurückhaltung begegnen, sondern auch eine Umgebung, die zum Spielen anregt, ohne z.B. durch eine Spielzeugflut zu überfordern. Und Zeit, um einerseits überhaupt in dieses „Träumen“ oder in die „Langeweile“ finden zu können, in dieser versinken zu können und dann noch Zeit, um die nächste Spielphase auskosten zu können – das ist vielleicht die größte Herausforderung in unserer schnelllebigen Gesellschaft.

„Kinder sind Persönlichkeiten, die von sich aus aktiv sind.“ (Merz 2006: Seite 14) Kinder, die es praktisch vom ersten Tag an gewohnt sind, „bespaßt“ zu werden, fordern auch oft ihre Eltern dazu auf ihnen Ideen zu liefern, was sie als nächstes tun könnten. „Mir ist so langweilig“ ist ein Satz, der dann oft zu hören ist. Ihnen ist der angeborene Antrieb zur Neugierde oder zur Aktivität verloren gegangen, bzw. wurde er besser gesagt verschüttet. Verloren ist diese angeborene Kraft nämlich nie, sie konnte sich nur eventuell nicht oder nur wenig entfalten.

Aber auch Kinder, die in ihrem Heranwachsen kontinuierlich begleitet werden, die oft selbstbestimmt tätig sein können, müssen mit der Erfahrung der Langeweile umgehen lernen. Langeweile erzeugt unweigerlich auch eine gewisse Spannung, eine Offenheit, vielleicht auch eine Leere. Das kann zunächst auch beängstigen, wenn man keine Idee hat, was nun als nächstes kommen wird und wann diese Spannung wieder aufgelöst werden wird. Oft suchen Kinder dann die Nähe der Bezugspersonen, versuchen abzugleichen, ob es in Ordnung ist, wie sie jetzt fühlen. Einfach mit Kindern die Nähe genießen und das Wechselspiel aus Spannung und Ruhe aushalten, warten und sich überraschen lassen, was das Kind als nächstes machen möchte. Sucht es das Gespräch? Fragt es nach bestimmten Spielmaterialien? Lädt es zu einem gemeinsamen Spiel ein?

Erleben Kinder ihre Eltern nicht als Animateure, dann lernen sie schrittweise die Spannung der Langeweile auszuhalten und mehr noch, sie fangen an, die Kräfte, die dadurch geweckt werden, zu nutzen. Kinder finden so in ein selbstständiges, unabhängiges Spiel. Aber auch das ist nicht so zu verstehen, dass man nie mit seinem Kind mitspielen darf oder nichts gemeinsam mit dem Kind erledigen sollte (z.B. etwas im Haus reparieren, gemeinsam ein Museum besuchen…). Es ist jedoch so, dass Kinder keinen durchgeplanten Tagesablauf benötigen, der neben Fremdbetreuung oder Schule zusätzlich unzählige Kursangebote oder tolle Familienunternehmungen (Freizeitpark, Zoo,…) bereithält. Kleine Highlights, auf die sich die Kinder wirklich freuen können, reichen vollkommen aus. Ansonsten kann man sich darauf verlassen, dass das Leben bildet. Kann ein Kind im geschützten Rahmen der Familie selbstbestimmt tätig sein, in seinem Rhythmus von Aktivität und Ruhe, so entwickeln sich alle notwendigen motorischen, intellektuellen und sozialen Kompetenzen, es erlebt seine Kreativität und seine Selbstwirksamkeit. Sein Selbstwert sowie sein Selbstbewusstsein wachsen, ganz ohne strukturierte Förderangebote.

„Sollen Kinder schon in frühen Jahren von Programm zu Programm und von Termin zu Termin gejagt werden? Wenn ihre Tage von morgens bis abends ‚besetzt‘ und ‚genutzt‘ sind – wie können sich dann jene Kräfte entfalten, die Zeit und Muße brauchen?“ (Merz 2006: Seite 21).
Familienleben braucht vor allem Zeit – Zeit, um in sich gehen zu können, Zeit, um Gedanken nachzuhängen und Zeit für ein selbstbestimmtes, freies Spiel!

Julia Strohmer,
Pädagogin

(Artikel aus „baby info“ 04/2017)


Literatur
Merz, Vreni (2006): Was Kinder können, bevor sie es lernen. Schlummernde Kräfte wecken und fördern. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder.