Stillpraxis: Erfolgreiches Stillen trotz Frühgeburt

Stephanie und ihren Mann Michel lernte ich während eines HypnoBirthing-Kurses kennen. Kurz vor unserem letzten Termin etwa 6 Wochen vor der Geburt, bekomme ich einen aufgeregten Anruf von Stephanie aus dem Krankenhaus. Sie berichtet mir, dass sie wegen vorzeitiger Wehen von ihrem Gynäkologen zwecks Überwachung ins Krankenhaus überwiesen wurde. Trotz diverser Maßnahmen hat sich die Geburt nicht sehr lange aufhalten lassen. Fünf Wochen und einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin kommt Lou nach einer relativ kurzen, aber schönen HypnoBirthing-Geburt zur Welt. Ihm geht es so gut, dass er sofort bei seiner Mutter bleiben kann. Er wird auch direkt nach der Geburt zum ersten Mal gestillt. Obwohl es Lou sehr gut geht, er weder beatmet noch sonst irgendwie behandelt werden muss, erfolgt das Stillen gemäß dem Klinik-Protokoll, welches bei Frühgeborenen eingehalten werden muss. Stephanie fängt zusätzlich zum Stillen sofort an mit einer elektrischen Doppelpumpe abzupumpen. Lou wird nach Plan alle 3 Stunden gestillt, er wird vor und nach dem Stillen gewogen und die fehlende Menge wird dann mit dem Becher zugefüttert. Da die Muttermilch nicht immer ganz ausreicht, wird auch etwas Formula gegeben.

Als Lou sich weiterhin gut entwickelt, können Mutter und Kind bereits eine Woche nach der Geburt nach Hause entlassen werden. Ich besuche sie am Tag darauf zu Hause und finde etwas ängstliche und verunsicherte Eltern vor. Da die Vorgaben in der Klinik doch recht strikt waren und bis zur Entlassung nicht gelockert wurden, wissen beide nicht wie sie jetzt daheim vorgehen sollen. Ich versuche zuerst einmal beide zu beruhigen und habe mir anlässlich einer Stillmahlzeit Lous Saugverhalten an der Brust angesehen. Da er sehr gut und effektiv an der Brust saugt, bestärke ich Stephanie darin Lou so oft wie möglich zu stillen, viel Haut-zu-Haut Kontakt zu praktizieren und ihr Baby auch im direkten Hautkontakt in der Position des intuitiven Stillens anzulegen. Dabei lehnt die Mutter sich bequem zurück, achtet darauf, dass ihr Kopf, Genick Schultern, Rücken und Arme gut abgestützt sind und das Kind bäuchlings auf ihrem Bauch entweder parallel oder etwas quer zu ihrem Körper liegt. Viele Babys fühlen sich in dieser Position sehr wohl und trinken sogar besser, da sie ihre natürlichen Still-Reflexe besser einsetzen können. Auch für die Mutter hat diese Position viele Vorteile, da sie sehr komfortabel sitzt und das Stillen somit viel entspannter für sie ist, was sich dann positiv auf den Milchspendereflex auswirkt. Beide Eltern erzählen mir, dass Lou sich auf die zusätzliche Pudermilch hin zu Hause übergeben hat. Wir besprechen daraufhin, dass Stephanie versucht so oft wie möglich zu stillen, jedoch auch noch zusätzlich einige Male am Tag abpumpt. So kann sie dem Kleinen nach Bedarf noch etwas zusätzliche Muttermilch geben, jedoch keine Pudermilch mehr.

Bei meinem zweiten Besuch zu Hause ist noch eine gewisse Unsicherheit bei Stephanie zu spüren. Sie kommt noch immer nicht ganz von den Vorgaben der Klinik weg und hat Angst, Lou durch das häufige Stillen zu ermüden. Zudem klappt das Anlegen nicht immer auf Anhieb, was Stephanie natürlich zusätzlich verunsichert. Ich beruhige und bestärke Stephanie nach Kräften und erkläre ihr die Wichtigkeit, Lou anzulegen, bevor er zu großen Hunger hat, folglich noch nicht zu aufgeregt ist. Der Kleine hat am Wochenende auch mehrere Male die zugefütterte Muttermilch gespuckt. Es sieht wirklich so aus, als ob diese zusätzliche Milch einfach zu viel ist. Ein beruhigender Faktor ist sicherlich, dass Lou übers Wochenende sehr gut zugenommen hat. Das Beobachten einer weiteren Stillmahlzeit ergibt erneut, dass Lou gut saugt und dem vollen Stillen direkt an der Brust eigentlich nichts im Weg stehen dürfte! Ich erkläre Stephanie, dass das Stillen an der Brust, im Gegensatz zu gängigen Behauptungen, nicht anstrengender ist als das Trinken aus der Flasche. Ganz im Gegenteil: Beim Trinken an der Brust kann das Baby Saugen, Schlucken und Atmen besser koordinieren und die Sauerstoffsättigung ist besser, als wenn das Baby aus der Flasche trinkt. Diese Aussage scheint Stephanie so sehr zu beruhigen, dass sie den Versuch wagt, Lou ausschließlich an der Brust zu stillen. Und so berichtet sie mir drei Tage später ganz stolz, dass ihr Baby seit meinem letzten Besuch voll an der Brust gestillt wird und die Gewichtszunahme auch weiterhin sehr zufriedenstellend ist. Zudem war sie morgens beim Kinderarzt, der ebenfalls sehr zufrieden mit Lous Entwicklung ist. Wir treffen uns eine Woche später ein letztes Mal für einen abschließenden Termin.

Lou ist jetzt drei Monate alt und wird immer noch voll gestillt, worüber Stephanie und Michel sehr froh sind.

 

Ute Rock
Laktationsberaterin IBCLC

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